1. Forschungsphase
Längst nicht jede Entwicklung eines neuen Arzneimittels endet mit seiner Markteinführung. Die Mehrzahl der Projekte muss zwangsläufig vorzeitig beendet werden. Von 5-10.000 Substanzen, die untersucht werden, kommen fünf in Phase-I-Studien, aber nur eine erreicht den Markt - und damit den Patienten. Grund für die Einstellung eines Projektes kann sein, dass die Wirksamkeit ungenügend ist, oder das die auftretenden Nebenwirkungen als zu belastend eingestuft werden. Manchmal wird ein Projekt auch aus wirtschaftlichen Gründen gestoppt - nach "Marktorientierung". Nicht immer ist es nötig, für ein neues Arzneimittel den Weg von Anfang an durchzuführen. Manchmal werden schon erprobte Wirkstoffe dazu genutzt, anders wirkende Arzneien zu entwickeln bzw. sie auf die neue Wirkweise zu optimieren.
2. Präklinische Phase
Ehe der Wirkstoff bei Menschen erprobt werden kann, muss er noch ein umfassendes Prüfprogramm bestehen: die vorklinische Entwicklung. Hierbei wird noch ausführlicher untersucht, wie er sich in einem Organismus verteilt, ob und wie er dort chemisch verändert wird und wie er den Körper wieder verlässt. Dann gilt es möglichst gut abzusichern, dass der Effekt des Wirkstoffs tatsächlich eine heilende oder lindernde Wirkung auf die Krankheit hat. Manches davon kann im Reagenzglas oder mit Zellkulturen eprobt werden, anderes jedoch lässt sich nur an einem Gesamtorganismus studieren. Studien an Zellkulturen liefern Hinweise auf Wirkung und Verträglichkeit eines Wirkstoffs. Er muss auf Wirksamkeit und Unbedenklichkeit hinsichtlich Giftigkeit und anderer möglicher Schadwirkungen getestet werden. Dazu gehören auch Tierversuche, an mehreren Arten von Tieren.
3. Tierversuche
(meistens mit Ratten oder Mäusen) dürfen keine Hinweise auf große Risiken geben. Zwar lassen sich viele Fragen zu einem neuen Wirkstoff inzwischen mit Bakterien, Zell- und Gewebekulturen, oder Reagenzglastests klären. Doch sind all diese Testsysteme nicht in der Lage, das komplexe Zusammenspiel aller Teile des lebenden Körpers nachzuahmen. Das ist aber nötig, um mögliche schädliche Wirkungen einer Substanz zu erkennen, ehe sie beim Menschen angewendet wird. Ein großer Teil der Tierversuche ist gesetzlich vorgeschrieben. Positive Ergebnisse am Tier sind aber noch kein Beweis für einen späteren Erfolg beim Menschen. Negative Befunde im Tierexperiment bedeuten normalerweise das Aus für die Entwicklung des Wirkstoff zum Medikament.
Wenn ein Wirkstoff alle vorklinischen Tests mit positiven Ergebnissen abgeschlossen hat, kann er erstmals bei Menschen angewendet werden. Damit beginnt der Abschnitt der so genannten klinischen Studien. Vor jeder einzelnen Studie wird die Zustimmung der zuständigen Behörde und der Ethikkommission eingeholt. Die Kommissionen wägt ab, ob die Studie aus ethischer, medizinischer und rechtlicher Sicht vertretbar ist und bewertet dazu auch die Ergebnisse der vorangegangenen Untersuchungen. Jeder interessierte Freiwillige oder Erkrankte, muss umfassend über die geplante Studie und mögliche Risiken informiert werden. Wenn er sich daraufhin zur Teilnahme entschließt, gibt er schriftlich sein Einverständnis. In besonderen Fällen, in denen das nicht möglich ist, muss der gesetzliche Vertreter sein Einverständnis geben. Das Einverständnis kann jederzeit ohne Angabe von Gründen widerrufen werden. Sollte es während der klinischen Entwicklung zu unvertretbaren Nebenwirkungen kommen, wird die Entwicklung abgebrochen.
4. Klinische Phase I
Der Wirkstoff wird erstmals wenigen, meist gesunden Freiwilligen (sog. Probanden) verabreicht, um zu prüfen, wie sich geringe Mengen davon im Körper verhalten und ab welcher Konzentration sie beginnen, Nebenwirkungen zu verursachen. An gesunden Probanden lässt sich natürlich nicht feststellen, ob und wie der Wirkstoff in Hinblick auf die Erkrankung wirkt, deshalb wird in einer Reihe von Studien erst einmal geprüft, ob sich die Ergebnisse aus den Tierversuchen beim Menschen bestätigen lassen. Dabei geht es etwa um Aufnahme, Verteilung, Umwandlung und Ausscheidung und ob der Wirkstoff gut vertragen wird. Ist bei den zu testenden Wirkstoffen mit schweren Nebenwirkungen zu rechnen, z.B. Chemotherapie, kommen für diese Phase nur Patienten in Betracht, bei denen keine andere Therapie mehr anschlägt. Das generelle Ziel ist, die Verträglichkeit des Wirkstoffs für den Menschen zu prüfen. Aufgrund der Daten aus den Phase-I-Studien wird dann die Darreichungsform entwickelt. Tabletten, Kapseln, Zäpfchen und viele andere Darreichungsformen kommen in Betracht.
5. Klinische Phase II
Erst in der Phase II werden erstmals Patienten, innerhalb einer größeren Studie, in die Entwicklung einbezogen. Zum einen wird geprüft, ob sich der gewünschte therapeutische Effekt durch den neuen Wirkstoff einstellt, zum anderen wird auf die Nebenwirkungen geachtet und festgestellt, welche Dosierung die Beste ist. Einer Patientengruppe wird die neue Substanz verabreicht, eine anderen Gruppe zum Vergleich ein Placebo (Scheinmedikament) oder die bisherige Standardtherapie. Sowohl bei Phase-II- als auch bei Phase-III-Studien, werden immer unterschiedlich behandelte Patientengruppen verglichen - vergleichende Studien heißen auch "kontrollierte Studien". Meistens werden dabei die Patienten nach dem Zufallsprinzip auf die beiden Gruppen verteilt - dafür gilt die Bezeichnung "randomisiert". Wissen weder die Patienten noch die Ärzte wer welcher Gruppe zugeteilt wurde, heißen solche Studien "doppelblind".
6. Klinische Phase III
In der Phase III erproben Ärzte das Arzneimittel dann an Tausenden von Patienten, um zu sehen und statistisch zu belegen, ob sich die Wirksamkeit und die Unbedenklichkeit auch bei vielen unterschiedlichen Patienten bestätigen lassen. Die Patienten erhalten wieder entweder das neue Medikament oder eine Vergleichsbehandlung. Untersucht und dokumentiert werden Wirksamkeit, Verträglichkeit und mögliche Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten. Oft werden bei den Studien auch Begleituntersuchungen durchgeführt, bei denen Wissenschaftler nach Blutwerten oder genetischen Eigenheiten suchen, an denen sich möglicherweise diejenigen Patienten erkennen lassen, die auf das getestete Medikament nicht ansprechen, es nicht gut vertragen oder dieses wesentlich schneller oder langsamer abbauen als die übrigen Patienten. Das kann später dabei helfen, das geeignete Medikament speziell für den jeweiligen Patienten auszusuchen.
7. Zulassung
Waren alle Prüfungen erfolgreich, kann der Hersteller bei den zuständigen Behörden die Zulassung beantragen. Mit dem Zulassungsantrag muss ein Unternehmen Unterlagen über die Qualität des Arzneimittels und die vorklinischen und klinischen Studienergebnisse zu seiner Wirksamkeit und Unbedenklichkeit einreichen. Experten der Zulassungsbehörden prüfen die eingereichten Unterlagen zu allen Entwicklungsschritten, zur Herstellung des Arzneimittels und zu den vorgesehenen Qualitätskontrollen. Sind Wirksamkeit, Unbedenklichkeit und Qualität des Medikaments erwiesen, erteilen sie die Zulassung. Damit kann der Hersteller das Medikament auf den Markt bringen. Es kann dann vom Arzt verordnet werden - theoretisch. Ein neues Medikament ist üblicherweise sehr teuer, also spielt sicher auch die Kostenerstattung durch die Krankenversicherung eine Rolle - die wenigsten Patienten können sich den privaten Erwerb leisten.
8. Nach der Zulassung
Die Zeit der Forschungs- und Entwicklungsarbeit am Medikament nach seiner Erstzulassung wird auch als Phase IV bezeichnet. Ärzte, Hersteller und Behörden wollen auf mögliche selten auftretende Nebenwirkungen achten. Tatsächlich können eher selten auftretende Nebenwirkungen, vor der Zulassung nicht erkannt werden. Die Gebrauchsinformation soll laufend aktualisiert werden. Anhand von schriftlich protokollierten Anwendungsbeobachtungen durch Ärzte, untersuchen die Hersteller wie sich das Medikament in der Behandlung bewährt. Falls das Medikament bei weiteren Erkrankungen in Betracht kommt - und es sich finanziell lohnt -, werden neue klinische Studien durchgeführt. Sind weitere Stärken und Darreichungsformen sinnvoll, wirkt das Arzneimittel vielleicht auch in einem früheren Stadium oder gegen andere Krankheiten? Solche Fragestellungen können zu weiteren Studien und Anträgen auf Zulassungserweiterungen führen.
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