Grundsätzlich ist Kortison nicht das Grauen zu dem es oft verklärt wird, zumindest außerhalb einer Dauertherapie, es ist lediglich ein körpereigener Stoff. Beim Einsatz von Kortison im Schub wird davon ausgegangen, dass die MS-Entstehung von einem entzündlichen Prozess ausgeht, es soll entzündungshemmend wirken. Es erreicht bei einem akuten Schub, die Verkürzung des Schubes und die Besserung neurologischer Ausfälle. Auf den gesamten Verlauf der Erkrankung hat Kortison scheinbar keinen Einfluss, eine Dauertherapie ist, eher mit Vorsicht zu empfehlen. Der Unterschied von Dauer- und Stoßtherapie ist laienhaft gesagt relativ einfach: Bei einer Dauertherapie stellt die Nebenniere nach einiger Zeit die Eigenproduktion von Kortison ein (es kommt ja immer wieder was von "Außen"), in der kurzfristigen Stoßtherapie produziert sie weiter.
Kortikoide sind körpereigene Hormone, die in der Nebenniere gebildet werden. Die Nebenniere ist ein kleines Organ, das auf der Niere "sitzt". Man unterscheidet Glukokortikoide (Glukose=Zucker) und Mineralokortikoide. Die bei entzündlichen Erkrankungen eingesetzten Medikamente sind die Glukokortikoide. Das wichtigste körpereigene Glukokortikoid ist das Kortisol (Hydrokortison). Seine Ausschüttung unterliegt einem festen Tagesrhythmus, eine erhöhte Kortisonausschüttung erfolgt in Stresssituationen. Kortison ist somit ein Stresshormon - es stellt dem Körper in einer Belastungssituation vermehrte Energie zur Verfügung.
Der akute Schub einer MS wird mit Kortison behandelt, das Medikament lindert durch seine Wirkweise die Symptome und steigert dadurch die Lebensqualität. Seit einigen Jahrzehnten wird Kortison in den akuten Krankheitsphasen der MS eingesetzt. Es wirkt dabei immunsuppressiv, entzündungshemmend, sowie gefäßabdichtend auf die Blut-Hirn-Schranke. Diese Abdichtung bewirkt, dass T-Lymphozyten nicht mehr in das Zentrale Nervensystem eindringen können. Auch die Produktion von spezifischen Entzündungs- und Botenstoffen wird gehemmt. Auf diese Weise wird die entzündliche Phase verkürzt.
Bei der Schubbehandlung wird hochdosiertes Kortison über einige Tage intravenös verabreicht (Stoß- oder Pulstherapie). Es wird in der Dosierung von jeweils 500mg od. 1000mg über einen Zeitraum von 3-5 Tagen täglich als Infusion verabreicht. Spricht die erste Stoßtherapie nicht an, sich die Symptomatik danach nicht deutlich bessert, kann eine Zweite erfolgen. Das kann etwa 2-4 Wochen später sein, unter Umständen auch mit erhöhter Dosierung (2000 mg/täglich). Eine immunmodulatorische Basistherapie, sollte trotz einer Schubtherapie nicht unterbrochen werden. Im Anschluss an die "Stoßtherapie" kann das Medikament "ausgeschlichen" werden, d.h. es wird mit Kortison-Tabletten langsam herunterdosiert. Während und nach der Kortison-Stoßtherapie ist körperliche Schonung sehr wichtig.
Da während der Behandlung Magenbeschwerden auftreten können, sollte man gleichzeitig entsprechende Magenschutz-Medikamente einnehmen. Oft kommt es während der Infusionstage zu Euphorie, es kann aber auch das genaue Gegenteil eintreten. Meistens kommt es zu massiven Schlafstörungen, zu Appetit- und Gewichtszunahme, Blutwert- und Hautveränderungen. Auch kann es zu dem sogenannten "Vollmondgesicht" kommen, das Gesicht wirkt wie aufgeblasen.
Eine weitere Möglichkeit der Behandlung mit Kortison, ist die intrathekale Therapie. Dabei wird Kortison mehrmals über einen längeren Zeitraum (in festen Anständen), direkt in den Nervenkanal injiziert - damit wird ein Kortison-Depot angelegt. Das Prinzip der Behandlung besteht in der lokalen antientzündlichen Kortisonwirkung auf MS-Herde, unter Umgehung der Blut-Hirn-Schranke. Der genaue Wirkmechanismus ist allerdings unbekannt. Die Behandlung ist nur in spezialisierten Kliniken möglich (MS-Zentren). Intrathekale Therapie ist wirksam bei primär oder sekundär chronisch-progredienten MS-Verläufen, besonders solchen, mit spinalen Symptomen (Hirnstamm, Rückenmark). Die Therapie soll die Dauer der Schübe verkürzen und die neurologischen Ausfälle bessern. Wenn die MS nicht schubweise verläuft, sondern sich chronisch fortlaufend entwickelt, hat die Therapie einen geringeren Nutzen, sollte aber zumindest versuchsweise eingesetzt werden.
Bei schweren Schüben, die gar nicht auf Kortison ansprechen, kann eine Plasmapherese zum Einsatz kommen.
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