aus "Das Buch vom Tee" von Kakuzo Okakura
Definition ist immer Begrenzung - "das Feste" und "das Unwandelbare" sind nur Ausdrücke, die ein Aufhören des Wachstums aufzeichnen. K`üh Yüan sagte: "Die Weisen bewegen die Welt."
Die Regeln unserer Moral sind hervorgegangen aus den Bedürfnissen der Gesellschaft von Gestern; muß sich aber die Gesellschaft immer gleich bleiben? Die Befolgung allgemeiner Traditionen schließt ein ständige Opfern des Individuums an den Staat ein. Erziehung, um den großen Irrtum aufrechtzuerhalten, fördert eine Art Unwissenheit.
Die Menschen werden nicht gelehrt, wirklich tugendhaft zu sein, sondern sich schicklich zu benehmen. Wir sind schlecht, weil wir schrecklich selbstbewußt sind. Wir vergeben anderen nie, weil wir wissen, daß wir selbst im Unrecht sind. Wir nähren ein Gewissen, weil wir uns fürchten, anderen die Wahrheit zu sagen; wir nehmen unsere Zuflucht zum Stolz, weil wir nicht wagen, uns selbst die Wahrheit zu sagen.
Wie kann man die Welt ernst nehmen, da die Welt selbst so lächerlich ist! Überall herrscht der Geist des Tauschhandels. Ehre und Keuschheit! Schaut euch den selbstzufriedenen Händler an, der das Gute und Wahre feilbietet! Selbst eine sogenannte Religion kann man kaufen; eine Religion, die in Wirklichkeit nichts weiter ist als Alltagsmoral, mit Blumen und Musik geheilligt. Beraubt die Kirche ihres Beiwerkes, und was bleibt übrig?
Und doch gedeiht dieser Handel prächtig, denn die Preise sind lächerlich gering, - ein Gebet für eine Eintrittskarte in den Himmel, ein Diplom für ein ehrenvolles Bürgerrecht. Verstecke Dich schnell unter einem Gebüsch, denn wenn der Welt deine wahre Nützlichkeit bekannt wäre, würde dich der öffentliche Auktionator bald an den Meistbietenden versteigern. Warum preisen sich Männer und Frauen selbst so gern an? Ist es nicht nur ein Instinkt, der noch von den Tagen der Sklaverei herrührt?
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