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Der Sklave will nicht frei werden. Er will Sklavenaufseher werden. (Gabriel Laub)


Gesellschaft im Angsttabu

In unserer modernen Wohlstandskultur herrscht eine neue Moral. Man will nicht mehr erschrecken, so wie man andere nicht mehr erschrecken darf. Man lächelt einander zu, wie es auf hunderttausend Reklamepostern und Fernsehspots nur strahlend unbekümmerte und gesunde Gesichter gibt. Sympathisch ist, wer sich als fit und munter inszenieren kann und seine Umgebung entsprechend ansteckend aufmuntert. Alles Heil erklären die modernen Kommunikatoren für machbar, jede Sorge um die gemeinsame Zukunft für übertrieben oder von Pessimisten oder Übelwollenden erfunden. Zuversicht ist Pflicht, Angst verboten.

Wer offen zeigt, daß er Kummer, Schmerz oder Angst hat, sollte lieber nicht unter die Leute, besser gleich zum Lebensberater, Arzt, Psychotherapeuten oder in ein Sanatorium gehen. Natürlich soll für Kranke, Behinderte, Gebrechliche gesorgt werden. Aber man will davon möglichst wenig sehen. Was man nicht sieht, stört nicht die verleugnende Selbstsicherheit.

So lebt eine angepasste Privilegiertenschicht in beständiger Abwehr ihrer Sorgen und Zweifel. Die Menschen inszenieren sich oder lassen sich inszenieren wie ein einziges Show-Ensemble. Sie tanzen wie auf einer riesigen Bühne, wo man einander ununterbrochen Fitneß, ewige Jugendfrische und künstlichen Optimismus vorlügt. Es ist ein gigantisches hysterisches Theater. Wer nur irgend kann, spielt nach den Regeln mit, wer es nicht schafft, ist schnell weg vom Fenster, ein Verlierer.

Es ist eine Kultur der Unbarmherzigkeit. Die im Kult der Stärke und der Angst vereint sind, zehren von der Ohnmacht der Verlierer - das sind die in den Schatten verdrängten Schwachen, die Bedrückten, die Armen und die Gebrechlichen. Hier herrschen Angst, Sorge und Tod. In dieses Schattenreich entsendet die Gesellschaft psychosoziale und medizinische Dienste, Nothilfeorganisationen, Spenden, Modellprojekte. Aber eine unsichtbare Mauer hält diese Ohnmächtigen auf Distanz.

Sie bilden den ärgerlichen, unausrottbaren Widerspruch zu der herrschenden euphorischen Allianz des positiven Denkens. Was dieser dominierende Teil der westlichen Gesellschaft verdrängt, entsorgt er mit Hilfe der Schwachen und der Armen der Welt. In einer entseelten Rivalitätskultur, in der Siege und Macht alles gelten, bestätigen die Abgehängten die Gewinner in deren fiktivem Glück. Existenzangst und Verzweiflung gehören zu den Unterlegenen als deren scheinbar natürliches Los. In der unbarmherzigen Konkurrenzgesellschaft ist es nachgerade zum Gesetz geworden, daß die Mächtigeren ihre Sicherheit und ihren Selbstwert gegen die Sorge und gegen die Depression der Ohnmächtigen abstützen - aller Beschwörung von Solidarität, Gerechtigkeit und Partnerschaft zum Trotz.

Je hartnäckigr Angst verleugnet wird, um so eher bahnt sie sich mit Hilfe undurchschaubarer Mechanismen schädliche Wege.

Auszug aus "Umgang mit Angst" von Horst-Eberhard Richter
(ECON Sachbuch)

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