Der sommerliche Park wimmelte vor Menschen. Die Sonne brannte gnadenlos, aber das schien, nach dem Unwetter der letzten Wochen, kaum jemanden etwas auszumachen. Außerdem gab es viele Bäume, unter denen man sich vor der bissigen Sonne schützen konnte. Und selbst die Sonne schaffte es nicht, den kühlenden Luftzug zu verdrängen, für den ein Seewind immer wieder sorgte. Ein klarer Vorteil in der Nähe der See zu leben ist ein ständiger Wind, auch wenn er noch so schwach ist, sorgt er immer für Erfrischung. Selten, das man hier den Eindruck hatte, die Luft würde still stehen.
Jetzt, am Vormittag, waren vorzugsweise alte Leute oder Mütter mit Kindern im Park. Die meisten Menschen, mit Ausnahme der Kinder, versuchten sich im Schatten in Sicherheit zu bringen. Immer wenn die Kinder nach Mami schrieen - und das war nicht gerade selten - erhoben sich die Mütter mit gequälter Körperhaltung und Mimik, um ihren geliebten Sprösslingen zu Diensten zu sein. Das ging auch einige Zeit gut, bis Mama schließlich am Ende jeglicher Beherrschung, rot glühend, ekstatisch an fast allen Körperteilen zuckend, sie dermaßen anbrüllte, das unmittelbar eine friedliche Stille im Umkreis von 100 Metern eintrat. Sogar die Alten und Vögel waren still - und wenn die Blätter das Rauschen hätten einstellen können, sie hätten es sicher gemacht. Die Ruhe hielt zumindest die nächste Minute, dann begann das Spielchen wieder von vorn.
Der Zustand der meisten alten Leute zeigte eher das Gegenteil, der war annähernd auf einer tieferen Körper- und Bewusstseinsebene angesiedelt. Die Hitze, ob in der Sonne oder im Schatten, ging an die Reserven. Zu viel davon hatten die meisten Alten sowieso schon in den Aufbau der Welt gesteckt, die sie jetzt nicht mehr ernst nahm. Das ist eben der Weg, man wird geboren und macht seinen Job, das heißt viel arbeiten, Heiraten, Kinder bekommen, Haus bauen, Baum pflanzen, manchmal Soldaten erschießen, oft die falsche Partei wählen usw.. Heute stehen sie mit zu wenig Rente da, fühlen sich überflüssig und sind den Jüngeren, also den eigenen Investitionen, zu teuer. Wenn die Alten nicht brav, pflegeleicht und kontinent sind, werden sie schnell ins Altersheim entsorgt.
Aber auch Zuhause, bei den lieben Kindern, waren sie nicht sicher. Im Urlaub musste nicht nur der Hund ins Tierheim oder auf einen Autobahnrastplatz, auch Opa oder Oma mussten irgendwo untergebracht werden. Das endete für Kurzzeit-Abschiebungen vorzugsweise im Krankenhaus. In fast jedem Krankenhaus erkennt man die Haupturlaubszeiten immer daran, dass plötzlich viele, eigentlich gesunde alte Menschen, mit den seltsamsten Beschwerden eingeliefert werden. Natürlich von den eigenen Kindern, die jetzt unbedingt in den Urlaub fahren müssen und die Alten gut versorgt wissen wollen. Bis jetzt ist noch nicht bekannt geworden, dass man Opa oder Oma mit dem Hund an einem Autobahnrastplatz gelassen hat, aber das ist sicher nur noch eine Frage der sozialen Zeitrechnung.
Er saß alleine auf einer Bank, etwas entfernt vom großen Gewimmel, aber doch so dicht dabei, dass er alles mitbekommen konnte. Er beobachtete die Menschen, für die Mehrzahl hatte er nur inneres Kopfschütteln übrig. Das mit den Kindern war ihm klar, sie mussten in Gruppen zusammenfasst werden, dann würde ihr Bedürfnis später auch nicht anders sein. Die Alten aber, sie konnten dem Chaos aus dem Weg gehen und suchten es trotzdem. Entweder brachte ihnen das die Erinnerungen zurück, oder sie warteten einfach nur auf Ansprache. Wahrscheinlich war die Einsamkeit und Ruhe an dem Ort an dem sie lebten so vollkommen, dass sie hier im Park sogar ihr Hörgerät auf Maximum stellten.
Ruhig beäugte er die große Fülle kleinlicher Welten, die kleinen Kinder und die Alten, die wieder klein wurden. Ein bisschen seltsam fand er es immer noch, dass er der einzige war, der den Alterdurchschnitt unter den Rentnern drückte. Rentenempfänger unter 40 Jahren waren hier scheinbar selten, wahrscheinlicher aber war, dass sie sich diesem geplanten Chaos nicht aussetzten. Blieb die Frage, warum er hier saß und sich das antat. Vielleicht war es für ihn, der allzu deutliche Unterschied zwischen den Welten, eine Art der Selbstbestätigung. Es war fast so, als musste er täglich immer wieder den Abstand spüren. Vor gar nicht langer Zeit, es ging dabei nur um ein paar Jahre, gab es keine Abweichung von der Normalität in seinem Leben. Er war wie jeder andere, aber noch wichtiger, er fühlte auch so.
Niemals hätte er sich damals an einen Vormittag in den Park gesetzt, um Menschen zu beobachten und sich zu vergleichen. Zum einen hatte er dazu keine Zeit, zum anderen aber auch kein Interesse. Er überblickte gerade einmal seinen persönlichen Wildwuchs an Problemen, die sich aber im Prinzip nur auf seine berufliche Laufbahn bezogen. Er hatte nie in die Menschen hinein geschaut, die Oberfläche und das was sie ausstrahlten waren ihm wichtiger. Niemals hätte er sich aus dem Grund als Oberflächlich bezeichnet, stattdessen war er stolz auf seine scheinbare Fähigkeit zu differenzieren.
Seine damaligen Freunde stimmten mit dieser Sicht der Dinge überein, also konnte er auch nichts Falsches daran finden. Sie waren eine eingeschworene Gemeinschaft mit dem Zweck der Bereicherung, der persönlichen, dass das Wort Gemeinschaft natürlich relativierte. Aber die Interessen waren gleich, mehr von allem, aber selbst das meiste davon. So war jeder Tag ein neuer Kampf, aber dafür gab es immer einen Sieger und natürlich den Verlierer. Das bedeutete immer klare Verhältnisse, es gab keine weiteren Sichtweisen, keine Unsicherheit in der Beurteilung. Genauso lief es in den beruflichen Partnerschaften, entweder du bist für mich oder gegen mich, dazwischen gab es keine Möglichkeit.
Das übertrug sich auch auf die privaten Beziehungen. Ob es nun um die scheinbaren Freunde ging, oder seinen, natürlich, attraktiven Lebensabschnittbegleiterinnen. Eine verlässliche Partnerschaft war sehr wichtig, solange sie sich lohnte. Die wahren Freunde gingen, wenn man zu oft verlor, die liebenden Partnerinnen gingen mit ihnen. Gemessen wurde nicht nur am Reichtum, eher wie man ihn vertrat. Solange man die Schau auch mit wenig Geld oder Schulden mitspielte, war man in den Kreis aufgenommen und immer gern gesehen.
Sogar die Gesundheit durfte ruiniert werden, ein Sportunfall oder das Auto nach einer Party betrunken gegen einen Baum, waren kein Problem. Ob nun dauerhafte Verletzungen, zurück gebliebene Behinderungen, oder Krankheiten, alles wurde akzeptiert, wenn nur weiter mitgespielt wurde. Die Beurteilung einer Person kam schließlich aus der eigenen Gruppe, und deren Sicht der Dinge war wichtig. Sobald die Zweifel an dem System begannen, ging alles sehr schnell, es roch nach verlieren, es drohte Einsamkeit.
Allerdings war es gerade bei den gesundheitlichen Geschichten so, das der Betroffene auf wunderbare Weise auf sich selbst zurück gebracht wurde. Dieser begann plötzlich seinen Körper zu spüren und dessen Endlichkeit, was wiederum in der Seele des Leidtragenden ein mittleres Beben auslöste. Die Zweifel an der Wichtigkeit so mancher Oberflächlichkeit, begannen im Geiste ihre Stimme zu erheben. Sie sagte nie etwas Gutes, trotzdem gelang es den meisten Menschen, sie zielsicher zu verdrängen. Als hohles Echo verklang die warnende Stimme in den finstersten Höhlen der vorlauten Seele, verdrängt von der Angst ein einsames Nichts zu sein.
Immerhin, einige wenige durchbrachen auf diese Weise den Kreis der einmütigen Gewöhnlichkeit, stießen sich damit selbst aus der kollektiven Bewusstlosigkeit. Mit unsicheren Schritten mussten sie sich wieder in die Welt einfügen, versuchen nicht nur unverfängliche Gespräche zu führen, sich eine eigene Meinung bilden und nicht die der gemeinsamen Gesellschaft anzunehmen. Sie mussten das Klarsehen völlig neu erlernen und das ganz ohne Unterstützung einer passenden Designerbrille. Und nicht zuletzt das Gefühl, die eigene Sensibilität zu reaktivieren, um das Miteinander und Drumherum wieder wahrzunehmen. Man muss es ja nicht lieben, aber kennen lernen sollte man es schon.
So ging es auch ihm, plötzlich und unvermittelt spürte er seinen eigenen Wert, die Seele brüllte nicht mehr unausgesetzt ja, sondern auch mal Warum. Die aufkommenden Fragen konnten nicht mehr verdrängt werden, eine Antwort war nötig. Fast gleichzeitig lösten sich alle bisherigen Bande zu seinem üblichen Umkreis, er machte einen Schritt, als Antwort entfernten sich viele Schritte. Wer ohne Antwort wegging wollte verletzen, der andere sollte die Tragweite spüren. Es störte ihn nicht, er war eher erleichtert über diese Tatsache. Es kam kein verletztes Gefühl auf, ein wenig Enttäuschung schon, die sich aber nicht wie Bitternis anfühlte. Schnell sah er sie sich entfernen und ihren Kreis wieder schließen, er stand außen vor und konnte sie das erste Mal klar erkennen. Sie tanzten fest geschlossen im Kreis herum, in der Mitte stand als goldenes Kalb ihr eigenes Nichts.
Trotzdem er endlich seinen Weg sah, dauerte es sehr lange Zeit um ihn zufrieden gehen zu können. Unbekanntes kreuzte seinen Pfad durch eine Welt, die nicht mehr aus vorgefassten Meinungen und Vorverurteilungen bestand. In der nicht mehr einige Meinungsführer die Stimmung vorgaben, sondern seine Meinung ihn führte. Dabei war der Ursprung der Änderung einfach gewesen, der allerdings reichte, um seine Erde nicht mehr eine Scheibe sein zu lassen. Es war nicht der Paukenschlag mit dem alles stürzte, es war nur einige Sekunden der Eintracht und des Verstehens.
Er wusste nicht mehr genau, aus welchen Gründen es ihn damals in den Park verschlagen hatte. Es war wohl für ihn die Abfolge einiger tief greifender Enttäuschungen aus seinem Umfeld, oder aber die Enttäuschung über sich selbst. Genau wie heute saß er seinerzeit auf einer Bank zwischen den Menschen. In seiner Nähe stand eine kleine Gruppe von Kindern, die fast wie in einer geheimen Verschwörung die Köpfe zusammen gesteckt hatten. Plötzlich löste sich ein kleines Mädchen aus der Gruppe und lief auf ihn zu. Verlegen lächelnd und mit einem mitfühlenden Blick blieb sie vor ihm stehen und schaute ihn forschend an.
Sie hielt ihm die kleinen Hände entgegen, auf ihren Handflächen lag ein kleiner Stapel zerknitterter und augenscheinlich auch teilweise benutzter Papiertaschentücher, der bedenklich in den kleinen Handmulden schwankte. Stockend, aber mit fester Stimme sagte sie ihm, dass er nicht weinen müsse, es wird bestimmt alles wieder gut werden. Der Rest der Kinder schaute ihnen gebannt zu. Als er die Taschentücher nahm und sich sein tränennasses Gesicht abwischte, fingen alle an zu jubeln und sich wild zu freuen. Dann rannten sie weg, das kleine Mädchen, immer noch mit ausgestreckten Armen, hinter ihnen her.
Er hatte nicht gemerkt, dass er eine lange Zeit still weinend auf der Bank gesessen hatte. Seine Gedanken waren wie immer, er hatte entspannt in die Weite das Parks geblickt. Die Tränen aber hatten sich ihren Weg allein gesucht. Er hatte einige Zeit weinend dagesessen, aber kein Erwachsener konnte ihn ansprechen, die Situation war wohl zu peinlich. Die Kinder aber, die nicht sofort die Keule der moralischen Beurteilung zogen, hatten sich gleich voller Mitgefühl zur Hilfe entschlossen.
Es war nicht alles Erbärmlich, in der Zukunft lag die Hoffnung und in den Kindern liegt die Zukunft. Menschen wurden nicht als rücksichtslose Egoisten geboren, sie wurden dazu erzogen. Sie wurden dazu gemacht, um in einer rücksichtlosen Welt nicht unterzugehen. Kinder wurden nicht als Diebe, Vergewaltiger oder Mörder geboren, ebenso wenig wie als mordende Soldaten oder den Befehl dazu gebende Politiker. Ihnen wurde gesagt, aus welchen Möglichkeiten des Lebens sie wählen konnten, aber es wurden nicht alle genannt. Nur jene Möglichkeiten, die in das Weltbild der Erzieher passten.
Insofern war alles in einem Kreislauf begriffen, die rücksichtslosen Nachfolger wurden selbst geschaffen. Das funktionierte aber nur, wenn sich alle so verhielten, oder zumindest der größtmögliche Teil der Menschen. Wer sich nicht an diesen Grundsatz hielt, wurde gemieden, verlacht und vereinsamt. Daran hatte auch er geglaubt und Bemühungen es zu ändern verurteilt. Es anders zu sehen schien unmöglich, zwangsläufig würde man dann auf sich selbst gebracht, müsste sich offen und ehrlich betrachten. Der Blickwinkel beleuchtete dann vermutlich einen Opportunisten, den schließlich keiner gerne sah. Dabei war für eine Änderung nicht viel nötig, manchmal nur ein offener Augenblick.
Er hatte ihn gehabt und war dankbar dafür. Er erwarb damit natürlich nicht automatisch einen Heiligenschein, aber wer brauchte den schon. Ein wenig bewusster leben, als Einzelner die Gemeinschaft auch mal in Frage stellen, vor allen anderen die vorschnellen, lauten Meinungsführer. Lautstärke ersetzt nicht die Wahrheit, operative Hektik aber die geistige Windstille. In seinem Leben hatte sich etwas geändert, er stellte Fragen und wollte sie auch beantwortet haben, egal wie die Antworten ausfielen, entscheiden konnte er darüber selbst. Dafür brauchte er oft den Park und die Menschen, es war fast wie eine Bewusstmachung, auf jeden Fall aber eine Erinnerung an das Leben.
Der Park war sein Ritual, er brauchte es um immer wieder klar sehen zu können, vor allem sich selbst. Wenn er dann den Park verließ, ging er jedes Mal langsam an den spielenden Kindern vorbei. Es gab dort immer eine Unmenge verschiedenster Gefühle und Stimmungen, die aber alle eins gemein hatten, sie waren ehrlich. Wenn sie es doch bloß immer bleiben würden.
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