Die einengende Gesellschaft bereitete ihm Qual, in ihr empfand er sich wirkungslos und erstarrt. Eine unschuldige Symbiose würde es nie geben, wahrgenommen hatte er das in den ersten Jahren seiner Zeit, begriffen erst wesentlich später. Am Anfang war es für ihn nicht fassbar, dass Bild einer bedeutungslosen Gemeinschaft, später tat es weh. Ähnlich den Schmerzen seiner Hand, mit der er gerade versuchte, eine kantige, scharfe Glasscherbe zu zermalmen.
Als Jugendlicher hatte er die Aufmunterungen hingenommen und versuchte, sich danach zu verhalten. Es misslang jeweils, er war nicht überzeugt. Ihm fehlten Klarheit und Wille, Ziele zu sehen und zu verfolgen, die nicht seine waren. Nichts war eindeutig, alles schien kraftlos und mit Verhinderung belegt. Es war keiner da, der ihm die Empfehlungen für eine Lebensbejahung erklärte. Die umklammernde Gesellschaft schien nur aus Schlagworten zu bestehen, so wurde selbst das Bedeutsame nur überliefert. Es waren alte Erfahrungen, die fortwährend in ihm manifestiert wurden. Die hatte er zu schlucken und durchzuführen, weil sie Millionen vor ihm ausgeführt hatten. Das Leben schien nur in alten Ereignissen zu bestehen, die nicht den Hauch von Veränderung ertragen konnten.
Möglichkeiten vergingen gehemmt und hohl, alles wiederholte sich unentwegt, er konnte Verhalten und Reaktionen voraussehen. Seine außerordentliche Sensibilität ließ ihn frühzeitig in Abgründe tiefer Hoffnungslosigkeit stürzen, aus denen er sich nur mühsam befreien konnte. Es durfte nicht jeder gleich sein wollen, einer musste neue Dinge tun oder aussprechen. Individualität im Leben zeigen, einzigartig sein und ungewöhnlich existieren. Er würde mit seinem Blut, für sich und alle anderen dieses Zeichen setzen.
Menschen brauchen die Sicherheit von Regeln und festen Abläufen, aber die Konsequenz mit der sie dabei waren, konnte er nicht ergründen. Sie stürzten sich mit vollkommener Hingabe in den Augenblick, aber es ging nur um das Widererleben. Ihre Existenz wurde daraufhin geformt, das Leben eingerichtet und es schließlich beherrscht bis zur Perfektion. Nachreden war eine freiwillige Pflicht, schützte es doch davor, in der eigenen Unsicherheit zu versinken und Fehlgeleitet zu erscheinen. Erfahrung war Erklärung genug, eine neue Lösung ist bedrohlich, alles andere, erschien als das Ende der Gesellschaft.
Er sah den Menschen ins Gesicht und beobachtete ihre eckigen Bewegungen, die wie einstudiert wirkten, lauter unaufrichtige Charaktere. Auch die Sprache passte dazu, andauernd hatte er den Eindruck, dieselben Sätze und die gleichen Formulierungen zu hören. Alles klang unecht, wie die ständige verzerrte Wiederholung eines Nachklangs. Fieberhaft übernommene Aussprüche und Handlungsweisen, sichtbar unlebendig, waren das Muster für die eigene Unbeweglichkeit. Er aber wollte Menschen treffen, die er nicht berechnen konnte, denen er nicht alles ansah. Heute würden sie ihn treffen, ihn ansehen und dass Einmalige spüren.
Ursprünglich hatte er sein Leben begonnen wie jeder, hatte weitergemacht wie alle und war irgendwann abgestürzt. Er hatte lange Zeit keine Empfindung, nicht für die eigene Vergangenheit und auch nicht für die vergangenen Erfahrungen anderer. Das Wagnis hatte klar vor ihm gestanden, er hatte es immerzu vorsichtig berührt und schließlich zugegriffen. Was folgte, war der geahnte und vielfach vorhergesagte Absturz ins Lebensnichts, in einen Abgrund aus verstoßener Einsamkeit.
Bevor er sich endgültig von der Gesellschaft abwandte, begrüßte ihn die Gemeinschaft als Komplize. Zuhören und Schweigen, nur etwas mitteilen, wenn es zu ihrer Gleichheit passte. Seine Identität hatte er nicht geschaffen, sie war ihm angewachsen worden. Als Kind wurde er bewertet, von allen Seiten begutachtet, nach Schublade und anfänglichem Verhalten eingeteilt. Jeder an seinen Platz, mit diesem Bild wurde er geprägt. Still bewegte sich ein Blutstropfen, aus dem Raum zwischen Glasscherbe und Hand.
Es verspricht Sicherheit, jeder weiß immer und sofort, mit wem er es zu tun hat. Eigenes spielt keine Rolle, es geht um den auferlegten Ausdruck. Bei der Einteilung ist es das Verhalten eines Kindes, offen und zwanglos. Rücksichtslos wurde ihm die fehlende, unpassende Schublade darüber gestülpt, mit der er dann leben und sich auseinander setzen musste. Die Rolle in der Gemeinschaft ist wichtiger, als die eigene Persönlichkeit. Die Menschen erlebten sich in ihrer Haut nicht sicher, sie fühlten sich eigentlich nicht wohl, sonst würden sie sich gerne offen zeigen. Möglicherweise sah jemand ihr wahres Wesen und zweifelte an ihrer Gemeinschaft, wahrscheinlicher aber war die sichtbar gemachte Angst. Stattdessen ließ man sich lieber in Schubladen stapeln, in irgendeine Ecke stellen und wartete, dass die Zeit mit der verordneten Lebensaufgabe verrann. Die Grobgezackte Glasscherbe drückte immer tiefer in das Fleisch seiner Hand.
Jegliches Umfeld ist Geistlos, es wurde getan, was gemacht werden musste. Gedanken über das eigene Handeln kamen vor, aber bei dieser Geistesschwäche blieb es auch. Über Revolutionen reden schon, aber möglichst ohne eigene Beteiligung, dabei handelte es sich, meistens nicht mal um die großen Umwälzungen. Bloß nicht die streng geschnürte Korsage um die innere Unsicherheit ablegen, wer wusste schon, ob sie beim erneuten Anlegen noch passen würde. Seine Hand hatte sich inzwischen vollkommen der Glasscherbe angepasst, beständig tropfte das Blut.
Seit fünf Tagen brütete er einsam in der Wohnung, sein Brennpunkt in einer gewöhnlichen Straße der sich klein fühlenden Großstadt. Die Straße war kurz und ermüdend, ohne Angst im Dunkeln, nächtliche Gewalttäter gab es nicht - zumindest nicht außerhalb der Wohnungen. Es standen 22 Bäume entlang der Straße, jeder ordentlich und gleich gestutzt, einer wie der andere. Sie waren der Stolz der Straßenbewohner, diese kleine Allee vermittelte einen ländlichen Charakter. Sogar kleine Misthaufen gab es unter jedem Baum, stolze Hundebesitzer mutierten zu Bauern und ließen ihre Hunde immer auf den gleichen Haufen scheißen.
Die Augenblicke zwischen den Gedanken, überwand er mit Alkohol und anderen legalen Drogen. Überdies hatte er einen großen Vorrat an Psychopharmaka, ihm von verschieden Ärzten infolge von Hilflosigkeit verordnet. Nach und nach wurde er mit der zähen Masse von Gedanken ausgefüllt, nicht nur seine Seele, sie nahmen alles ein. Sie füllten seinen Körper vollkommen mit angeschwollen Gedanken, alle Organe schienen sie zusammen zu pressen, alle Innereien zu verdrängen. Mit seinem Blut pulsten sie ohne Unterlass durch alle Glieder, sogar die Knochen schienen sie zu durchdringen. Er fühlte sich wie aufgebläht, der Hohlraum gefüllt mit schwarzen Gedanken aus Stein und einer blutigen Mischung aus Lava und Säure.
Er wollte zerbersten. Er musste platzen und sich über alles und jeden ergießen. Er wollte Säure sein, die alles was sie traf, langsam zerschmolz, zischend züngelnd, dampfend laut und vielsagend. Während er schmolz, sollte es Blasen treiben, hässliche braune, heiße Behälter, die mit giftgrüner Säure gefüllt waren. Er würde sie aufschneiden und fließen lassen, sobald diese Masse sich verhärtete, würde sie zum Mahnmal werden. Er konnte die Glasscherbe nicht zermalmen, so wenig wie sein Leben.
Einige Zeit später, nachdem die Sanitäter ihn nackt auf der Straße aufgegriffen und mit einer Spritze ruhig gestellt hatten, lag er auf dem Bürgersteig seiner toten Straße. Er sah viele bekannte Gesichter um sich herum, verzerrt vor Entsetzen und Lust, verwirrt über die Wunden, die er sich zugefügt hatte. Niemand sprach, es gab es keine Gedanken, Worte oder Taten.
Seine nackte Brust war dunkelrot verschmiert, aber trotz des Blutes konnte jeder das Wort erkennen. In seine Haut hatte er mit der Glasscherbe in großen Buchstaben das Wort "ICH" eingeritzt. Die Wundränder klafften zerfetzt, aber die Konturen waren klar. Sein verletztes Fleisch drängte nach außen, als wollte es den Körper verlassen. Er hatte keine Schmerzen mehr, fühlte endlich eine tiefe Ruhe. Das würden sie nicht vergessen, sie würden darüber reden und möglicherweise sogar nachdenken. Vielleicht würde es sogar der eine oder andere verstehen oder zumindest begreifen. Er war wie jeder andere, aber nicht mehr gleich. Ab jetzt war er das Mahnmal für alle Gleichen.
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