Aus der Mitte entspringt ein Fluss, aus unserer Mitte, und fließt stetig in unser Mittelohr. Er brauchte Ruhe und Entspannung, wie so oft in letzter Zeit, denn das Donnergetöse des unendlichen Verkehrslärms, sowie das stete Brüllen innerhalb der Flugschneise des mittelprächtigen Flughafens, hatte doch etwas an seinen Nerven gezerrt. Vielleicht hätte er dem Wohnungsmakler besser zuhören sollen, aber das Donnern und Brüllen….
In solchen Momenten, in der Nähe zum Amok, fiel er bevorzugt in ein leichtes Koma, in sein so genanntes Flusskoma. Er fuhr an eine stille Ecke am großen Fluss, stellte seinen Faltklappliegestuhl auf, vor dem Koma natürlich. Anschließend begab er sich langsam in einen Zustand intensiver Entspannung. Dazu brauchte es kein Poch-Fum oder Hong-Ping, er musste auch keine aufgehende Sonne sein, nur die Ruhe musste da sein und er mittendrin. Der Faltklappliegestuhl war nötig, der Fluss schön dümpelnd war nötig und eine Kanne Kaffee mit vielen Keksen dazu. Es durfte auch eine Zeitschrift dabei sein, aber nicht so etwas kompliziertes, er wurde schon genügend von irgend welchen Fakten erschlagen.
Es ging also um eine leicht dümpelnde Ruhe, in losgelöster Liegeposition ohne pragmatisches Kopfkino. Nachdem er etwas Kaffee getrunken und 3-4 ungesunde Zigaretten geraucht, sich anfallsartig ein paar ungesunde Hochzuckerkekse zu Leibe geführt hatte, begab er sich so langsam in den beginnenden Zustand des Flusskomas. Wie bei einem klinischen Koma fährt der Körper nur noch auf Sparflamme, die wirklich wichtigen Funktionen haben mehr Energie. Das hieß bei ihm, alle unwichtigen Organe machten etwas weniger Dampf, so z.B. alle inneren Organe, die bei ihm sowieso nur träge vor sich hinoxydierten, auch sein Gehirn zog sich weit zusammen und unterstützte die Seele beim baumeln. Seine innere Unruheuhr konnte sich wieder einpendeln.
Mal ehrlich, wozu brauchte man eine Milz oder eine Leber? Er brauchte bestimmt nicht eine normal funktionierende Leber, er blies sich nicht Sonntagsfrühschöpplich das Hirn weg. Auch alle anderen Gelegenheiten in denen der Ottonormalbürger öffentlichkeitskonform sein Großhirn in Alkohol tauchte, nahm er nicht war. Er war nicht im Schützenverein, nicht in der freiwilligen Feuerwehr und auch nach einem Fußballspiel musste er sich nicht aus Freude oder Trauer, je nach Gelegenheit besaufen. Er hatte mal versucht bei einigen öffentlichen Suffgelegenheiten mitzumachen, aber ohne Alkohol war es schwer bei der freiwilligen Feuerwehr, zumindest im zwischenmenschlichen Kontakt. Vielleicht hatte er auch die Sache mit dem "Brand löschen" einfach nur falsch verstanden. An einen Schützenverein mochte er in dieser Beziehung lieber nicht denken.
Sein Flusskoma war ein quasi Traumzustand ohne Traum, den Traum musste er bewusst träumen, sein Unbewusstes war ebenfalls ausgeschaltet. Also nichts mit wirrer Träumerei, alles schön unter Kontrolle, so wie er das mochte. Eine der wenigen Gelegenheiten, in denen er von einer besseren Welt träumen konnte, natürlich eine bessere Welt für sich. Natürlich mit Profilneurotikern und Psychotikern, denn eine Welt ohne sie würde es noch nicht mal im Traum geben, aber es würde ihn nicht stören. Er wäre ein voll integriertes Mitglied der Spaßgesellschaft und würde sich auch noch wohl dabei fühlen, eine Welt ohne Probleme. Wenn trotzdem welche auftauchen sollten, würden sie einfach ignoriert und beiseite geschoben. Dann könnte er sich weiter um sein liebstes kümmern, um sich selbst und wie er als nächstes beeindrucken konnte. Dabei merkte er meistens, dass das nicht so einfach war, ständig auf der Suche nach Spaß war schon anstrengend, aber oft konnte man ja so tun, als wenn man Spaß hätte. Nur, Spaß an allem zu suchen ist purer Stress, kein Wunder, dass keiner mehr Zeit hatte.
Am Fluss lag er nun, auf dem Weg zur inneren Ruhe und Ausgeglichenheit. Was sich hin und wieder über den Fluss bewegte, waren entweder ein paar Vögel oder ein leise töffelndes Binnenschiff. Einmal mit einem Binnenschiff über Flüsse und Kanäle, der Traum eines alten Jungen. Ruhig dahin tuckern, zwischen der Jagd nach neuen Ladungen in den Binnenhäfen. Man konnte sich aufs Deck legen, die Ruhe genießen und dann - ja und dann wurde man von einem röhrenden Motorboot mit Turbogeschwindigkeit überholt. Dann noch ein zweites, drittes und viertes...
Das mag ja eine Art Abwechslung sein, aber nicht mit Turbo-Lautstärke. Und wenn es dann nur eines wäre, nein, es kommen gleich viele von der Sorte. Jetzt kommen sie auch aus der Gegenrichtung, klein, mittelgroß, mittelklein, groß. Aus jeder Richtung, eine Freizeit-Rush-Hour auf dem Fluss. Da sieht man doch tatsächlich ein Abbild aller Bevölkerungsschichten, bestimmt nichts neues, aber in der Menge? Nachdem er langsam wieder zu Bewusstsein gekommen war, sucht er das Binnenschiff, aber das war wohl nur ein Traum, es hätte auf dem Fluss auch keinen Platz mehr.
Viele Boote störten ihn nicht, aber der Krach und die Art wie die Boote gefahren wurden. Es ging zu wie auf einer Autobahn, viele kleine Kämpfchen zwischen großen Maschinen die etwas leisteten und kleinen Maschinen die immer Vollgas fuhren, um mithalten zu können. Einige mittelgroße mit viel PS, deren Besitzer stolz geschwellt am Ruder oder vielleicht Joystick standen, fuhren so schnell vorbei, das einem beim zusehen schwindelig wurde. Dabei kam er zwangsläufig zu der Überlegung, ob jetzt schon stolz geschwellte Brustraketen abgeschossen werden, vielleicht hatte er etwas verpasst. Tatsächlich sah er nicht viel von dem Boot oder dem geschwollenen Besitzer, noch von der jeweiligen, mehr oder weniger blonden Begleitung, die mühsam versuchte, sich irgendwo festzuhalten - aber wahrscheinlich war sie das von Schweller in jeder Beziehung gewohnt. Andererseits konnte er die Eile verstehen, bei den Kredit-Raten für Boot, Autos, Eigentumswohnung, Pferd, Fettabsaugen konnte der keine Zeit mehr haben und musste schnell wieder in der Wirtschaft die künftige Insolvenz verwalten.
Verhängnisvoll für seine Ruhe war das rudelhafte Auftreten der Schwaller, äh Schweller, niemals kam einer allein. Vermutlich brauchten sie sich zur Unterhaltung, die normalerweise nicht möglich war, wenn sie nach oben buckelten und nach unten traten. Und tatsächlich drangen einige Schreie an seine, von allem losgelöste Ohren, als würden ihm vorbeizischende Köpfe an einer Autobahn etwas zurufen. Früher ist er mal Motorrad gefahren, einen ziemlich großes, dass war allerdings im Gegensatz zu den meisten anderen Maschinen aus Metall. Er hatte nie begriffen, das wenn man gesehen und bewundert werden wollte, so schnell fuhr, das man nicht mehr gesehen werden konnte. Motorradfahrer schätzen ja auch die Form des Rudels, warten innerhalb aber nicht ständig auf die Bestätigung der eigenen Großartigkeit und müssen, auch nicht unausgesetzt andere in deren bestätigen.
Auf dem Fluss war es eben wie im wirklichen Leben, mit großer Geschwindigkeit schnelle, grobe Wellen machen, die sich dann aber auch umso schneller am Ufer brachen. Jede Welle nimmt ein Stück Land vom Ufer mit, je mehr Wellen, desto weniger wird das Land, dass man für einen festen Stand braucht...
Das die Ruhe vorerst vorbei war, konnte er nicht wegdenken, aber wieso dachte er plötzlich an Kanonenboote, Torpedos und Seeminen. Er sehnte sich nach den ruhigen Gefilden seiner Wohnung, da waren zumindest Wände dazwischen. Folgerichtig packte er seinen Kram zusammen, versenkte Kaffee und Restkekse im Fluss, fuhr in seine Wohnung und entspannte. Das Brüllen und Donnern der von Auto- und Flugverkehr störten ihn nicht mehr wirklich - zumindest hatten sie ein Ziel.
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