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Alles, was gigantische Formen annimmt, kann imponieren - auch die Dummheit.

Märchen vom Grauköpf
- von Michael

Es war einmal ein ungeteiltes Land in dieser Zeit, da lebte König Grauköpf, zusammen mit ihm seine Königin und reagierte - mal gern und mal nicht. Er war von großer Gestalt und jugendlichem Aussehen, mit Ausnahme und abgesehen von seinen Haaren, die waren angegraut. Er trug teure Kleidung, edle Gamaschen und er liebte die Frauen, verschiedene - mal gern und mal nicht. Sein Sternzeichen war der Hahn, und zwar nicht der, aus dem das Wasser floss. Sein Geschick trug ihn durch wilde Zeiten, in denen er aber immer das richtige tat und sagte, so trugen ihn seine inneren Fertigkeiten an die Spitze des Königreichs. Seine Untertanen waren ihm hold, hatte sie doch vorher der alte König, genannt der Gemüsekönig, so ziemlich in allem gebeutelt und verstimmt.

Des Königs Lieblingsspeise war seit jeher ein frisches, knackiges Brötchen, bestrichen mit Schweinemett und belegt mit einer riesigen Schicht Zwiebelringen. Das Mett musste frisch sein, die Zwiebelringe aus einer scharfen Zwiebel - je schärfer, desto besser. Scharfe Zwiebeln passten so richtig zu seinem Charakter, nicht diese laschen, weichen Gemüsezwiebeln. Am Besten waren die kleinen roten, brennenden, Granaten für die Mundschleimhaut, hinterher konnte man kaum mehr den Mund schließen. Dann konnte er immer so richtig aufatmen, frische Luft nach einem kurzen Schmerz, dass lag ihm. Ein schwarzer Kaffee oder eine gelbe Brause danach, schmerzten umso mehr, aber sein Geschmack lag sowieso bei einem guten, roten Wein. Vollkommen wurde es allerdings erst mit der Zigarre danach, es musste aber eine echte, gute Zigarre sein, die war zwar sehr teuer und seinem Volk schwer zu vermitteln, dass in einer tiefen Hoffnungslosigkeit darbte, aber mit weniger wollte er sich nicht zufrieden geben - er war schließlich der König.

Nun begab es sich ein einem Tag des Frühlings, der bekannterweise die Jahreszeit des Aufbruchs war, das er vor seinen Untertanen eine Rede halten musste. Sein Volk war nicht zufrieden mit ihm - und dem Zustand des Landes. Jeder Bürger wollte seines eigenen Glückes Schmied sein, aber ein großer Teil durfte es nicht mehr. Viele Menschen hatten keine Arbeit, um ihren Leben einen Sinn und einen Unterhalt zu geben. Das Land war zwar der größte Lieferant für Waren in andere Königreiche, aber im eigenen Land konnte sich das Volk die Waren immer weniger leisten. Ohne Arbeit gab es nur ein wenig Geld aus der Staatsschatulle, es war schon zu Zeiten des alten Gemüsekönigs immer kärglicher geworden. Die vielen Manufakturen des Landes konnten dadurch immer weniger im eigenen Land verkaufen, aber dafür in ausländische Reiche umso mehr.

Obwohl es die besten Arbeiter im eigenen Lande gab, sie kaum noch Steuern entrichten mussten, zogen sie mit ihren Manufakturen in benachbarte ausländische Reiche. Dort wollten die Menschen nicht so viel Geld für ihre Arbeitskraft haben, sie waren mit sehr viel weniger unzufrieden. Die Waren wurden dann in Ländern verkauft, die es sich leisten konnten, weil sie noch genug Arbeit hatten. Aber auch im eigenen Land wurden diese Waren gekauft, denn sie waren ja billig genug, auch für die Bürger mit wenig Geld. Aber den Gewinn aus den Verkäufen im eigenen Land, floss wieder in ausländische Reiche und Manufakturen, damit konnten die Waren dann noch billiger verkauft werden. Sie unterboten sich gegenseitig immer mehr und merkten nicht, dass nicht nur sie, sondern auch die verschiedenen Reiche und ihre Bewohner immer schwächer und schwächer wurden.

Das Volk wollte einfach nur zufrieden Leben, aber der von Ihnen erwählte König Grauköpf reichte ihnen nur seine ruhige Hand, statt sie zu bewegen - die Hand. Die ersten Jahre in seinem herrschaftlichen Amt, nach dem der alte Gemüsekönig gestürzt war, hatte er nur die Macht und anderes genossen, so wurde ihm vorgeworfen. Dabei hatte er sich so bemüht der König zu werden, einmal wäre er sogar beinahe über die Schlossmauer geklettert, um den alten König zu stürzen, aber sein nicht unbeträchtlicher Genuss roten Weines seinerzeit, verhinderte seine Revolte. Inzwischen hielt er seine Bürger für undankbar, dabei hatte er in seinen bisherigen Herrschaftsjahren, dem Volk immer genau aufs Maul geschaut und sich mal hierhin mal dorthin gewendet. Er hatte für seine Bürger sogar Heldentaten vollbracht, indem er fast persönlich einige Sturmfluten von seinem Königreich fernhielt, die Flut des Wassers und die des Krieges. Eigentlich wollte er auch nur zufrieden leben und regieren, aber ständig wurde er dabei von seinem Volk gestört.

So kam es dann irgendwann so weit, dass er nur noch ein unzufriedener König Grauköpf war, voll der Verachtung über sein Volk, das ihn nicht verstand. Was er auch dachte und tat, in welche Richtung er ging, oder sich in verschiedenen Kleidungen zeigte, die Bürger waren unzufrieden. Voller Verzweiflung wandte er sich zu jener Zeit an seine Berater, die daraufhin stolz und in großer Zahl in seinen Palast strömten, um ihrem Herrscher zur Hilfe zu eilen. Die Berater kannten das Volk gut - und das was es wirklich wollte, sie hatten es schließlich schon lange Zeit in ihrer Gewalt. Sie erpressten es mit Arbeit. Da jeder Bürger Arbeit zum Leben brauchte, konnten sie Bedingungen stellen, wenn ein Bürger protestierte, wurde ihm Arbeit und Geld genommen. So wurden sie gefügig gemacht, es waren ja genug andere da, die nur auf den Platz zum arbeiten warteten. So ließen sie länger arbeiten und bezahlten weniger dafür und trotzdem hatte jeder Arbeiter Angst seine Arbeit zu verlieren. Der der hatte, verteidigte sich gegen den Suchenden.

Nachdem die Berater beim König eingetroffen waren und sich an königlichen Wein und Zigarren gelabt hatten, begannen sie ihren Herrscher zu umgarnen. Auch sie waren unzufrieden, aber sie fanden immer wieder einen Weg, ihre unermessliche Gier zu befriedigen. Ihre Last war es nicht nichts zu haben, es zu behalten und zu mehren war seit jeher ihr Problem. Aber weil sie wenige waren und über große Mittel an Geld verfügten, im Gegensatz zu Gewissen, hatten sie in langen Jahren des Kampfes ihre Macht gesteigert. Sie wollten noch nie von allen geliebt werden, nur von denen, die ihre Macht und den Inhalt ihres Geldbeutels erhöhen würden. Der alte Gemüsekönig war auch auf ihrer Seite gewesen, der hatte sie verstanden und durch mannigfaltige Entscheidungen beglückt, er war sich dadurch stets ihrer Dankbarkeit gewiss - und die zeigten sie ihm auch. Selbst als der alte Herrscher schon lange abgedankt hatte, nahm er ihre Dankbarkeit sinnesfroh entgegen und blieb weiterhin an ihrer nützlichen Seite.

Wenn er auf seine Berater hören, an ihrer Seite stehen und sich an Ihr System halten würde, so sagten sie, dann solle er wieder glücklicher König werden. Er könne nicht die Liebe des ganzen Volkes bekommen, aber der größere Teil würde zu ihm aufschauen und seiner Macht folgen. Bei diesen Worten fluteten zuckersüße Ströme des Wohlbehagens durch seinen Körper und es war, als würde seine Seele durch ein wohlduftendes Blütenfeld wandeln. Er sah sich wieder als die Sonne für sein Volk leuchten, für die strahlende Kraft, für die er sich hielt und schon immer gehalten hatte. An der Spitze seines Landes würde er wieder graumeliert voran schreiten - nein stürmen - und seine Untertanen würden ihm freudig folgen. Und alle miesepetrigen Bürger, die ihm das verwehren wollten, würde er mit Nichtachtung strafen und ihnen zeigen, dass nur er den richtigen Weg in die Glückseligkeit seines Landes kannte. Er sah die Punkte für sein Vorgehen vor seinen Augen, aber vielleicht lag das auch nur am roten Wein.

Aber wenn er den Beratern folgen wollte, musste vor der Freude für das Volk, erst einmal der Schmerz stehen. Den Bürgern musste immer wieder verkündet werden, wie schlecht es ihnen ging und das sie alles falsch machten, so wie sie machten und lebten. Seine Herolde sollten überall verlesen, dass das Volk selbst Schuld an der Misere des Landes und ihrer Eigenen sei. Sie sollten Glauben gemacht werden, über ihre Verhältnisse zu leben. Sie forderten zu viel aus der Staatsschatulle, so dass diese bald endgültig leer sein würde. Angst müsse die Bürger beherrschen, die Angst alles zu verlieren, die Angst zum Niemand zu werden. Ohne Obdach, ohne klingende Münze in der Tasche um zu Essen und zu Trinken, wenn sie ihr ausschweifendes Leben so weiter führten. Sie sollten ihr Leben ändern, mehr in die Staatsschatulle einzahlen, weniger daraus fordern. Eine neue Bescheidenheit soll jegliche Untertanen erfassen, aber nicht in Gemeinsamkeit. Den größeren Teil des Volkes würde er später über den Rest erheben, indem er sie bat, stolz an seiner Seite zu stehen, ihn auf seinen Weg zu einer neuen Heldentat zu begleiten. Sie alle würde er dann zu Rittern der Leistung schlagen, zu der Gruppe der bereiten Kämpfer für ein neues Land, weit jenseits des alten Staates.

Sein Ziel war ein Volk der Einzelnen, jeder musste selbst für sein Auskommen sorgen, auch in Not, Alter und in Krankheit. Bisher war für die Schwachen gesorgt worden, aber die sollen sich begrenzen. Wer keine anständige Arbeit mit normalem Auskommen in seinem Königreich fand, der solle sich eine Tätigkeit für wenig Geld suchen - seine Berater in den Manufakturen könnten da sicher helfen. Wichtig sind die Manufakturen und die Staatsschatulle, wenn beide sich füllten, würde es allen wieder besser gehen. Vor allen denen, die sie durch ihre ritterliche Leistung füllten und wenigen diejenigen, die nur nahmen, selbst wenn es aus lauter Not war. Wenn jeder Bürger endlich begriff wo sein Platz im Leben war, dann wäre das Königreich gerettet und bar jeder Sorge. Zu jeder Zeit gab es Unterschiede im Lande, bei allen Herrschern, aber nun müssen sie erneuert werden. Ein König kann nicht alle zu Gleichen machen, es muss die Geringen, wie auch die Ritter der Leistung geben. Jeder solle am eigenen Platz sein und leben, durch das, was er mit seinen Händen geschaffen hat. Und wenn er seine Hände verlor, dann müsse er eben im Leben auf der Stelle, oder kürzer treten. Er wäre das beste Beispiel dafür, jeder da wo er hinpasst und wodurch er sich durch das eigene Leben gestellt hat. Nicht jeder hat die Rechte eines Königs, auch nicht die Linke.

Natürlich müsste eine Gruppe seines Volkes eine "Sonderbehandlung" zuteil werden, nicht jeden kann er vor diese Wahl stellen. Die kleine Gruppe der Mächtigen, die seine Führung und den Staat nicht nötig hatten. Seit jeher gingen sie ihren eigenen Weg, nahmen wenig an allem teil, auch an der Füllung der Staatsschatulle. Er würde ihnen zeigen, dass im Königreich alles wieder gut wird und sie nicht überfordert würden, ihre Steuern würden so weit gesenkt, dass sie in seinem Land wieder in Ruhe leben können. Auch wenn diese Gruppe inzwischen immer größer geworden war, betraf sie nur eine Minderheit, aber mit ihrer Macht fühlte er sich auf einer Stufe. Die Mächtigen müssen im Königreich voran gehen, mit ihm an der Spitze natürlich, alle anderen, die nur leben, sollen sich anschließen und froh sein, dass sie leben.

Aber nun war es Zeit für seine Rede an das Volk. Er schritt bedächtig an den Platz, an dem ihn jeder Hören und Sehen konnte. Er spürte seine Größe und auch die des Moments, dafür war er König geworden. Die Zwiebeln auf dem Mettbrötchen zum Frühstück, diesmal waren es besonders viele gewesen, rumorten in seinem Magen mit dem roten Wein um die Wette, die Zigarre tat ihr Übriges. Die Abermillionen Nichtse seines Volkes blickten ihn erwartungsvoll an, seine Minister und Herolde waren nah an ihn herangerückt. Etwas sehr Großes würde folgen, da war sich jeder Untertan sicher.

König Grauköpf trat vor, straffte sich und öffnete seine Arme so weit, als wolle er sein ganzes Königreich ein- bzw. umfangen. Und dann passierte es: Seine Gedanken, die Berater, das Mett, die Zwiebeln, der Wein und die gute Zigarre verließen den König mit einen volltönenden Dröhnen und Poltern durch seine rückwärtige Öffnung, es klang wie eine Kakophonie aus tausend Schreien gequälter Seelen. Nach dem lauten, energischen Ausmarsch erschöpfte sich der warme, heftige Wind übel riechender Wertlosigkeit, in einen immer leiser werdenden Hauch vorsichtigen Stöhnens, der mit einem ungestümen, blubbernden Windstoß endete. Der König fühlte eine neue, weiche Insel an sich wachsen.

Stille. Der König ging langsam und mit seltsamem Gang in Richtung dahin, wo die königliche WC-Ente wohnt. Er hinterließ grüngesichtige, am Rande der Bewusstlosigkeit wankende Minister und Herolde, die weil sie nicht weiter wussten - klatschten. Das Volk, zuerst fassungslos, fing leise an zu tuscheln. "Was hat er gesagt? Was meint der König? Es klang nach etwas Neuem, nach einem starken Ausdruck seiner Selbst, oder? So ähnlich wie "verformt", vielleicht?" Ganz am untersten Rand des geistigen Volkes hatte ein Volksgenosse die Lösung: "Es klang eindeutig wie das Wort "Reformen", diese Dröhnen und Stöhnen konnte nur Reformen heißen", schrie er übers Land. Und plötzliche wollte es jeder so gehört haben. Nach und nach fingen fast alle an zu Jubeln: "Reformen, Reformen". Keiner wusste zwar was es bedeutete, aber es klang deutlich besser als es roch.

Welch ein kluges, selbstständiges Volk, dachte König Grauköpf hocherfreut auf seinem neuen, weißen Thron, streichelte die WC-Ente und steckte sich genüsslich eine Zigarre an. Er war mal wieder gerne ihr König.


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