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Schön ist eigentliches alles, was man mit Liebe betrachtet. (Morgenstern)


Erleichterung

Er hatte schon viele unterschiedliche Phasen kurz nach dem Erwachen durchgemacht, aber diese war neu. Die angenehme Version war die morgendliche Liebe, eine sehr impulsive, gefühlreiche Variante. Die weniger Willkommene, war das Aufwachen mit Schmerzen durch verkrampfte Muskeln, die ihn allerdings regelmäßiger besuchte. Es gab auch das unmittelbare Erwachen aus einem Albtraum, es zeichnete sich durch Wut, Trauer oder Angst aus. Einen Albtraum merkte er sofort, das Grauen der Situation sprang ihn an, er war unmittelbar in der Situation.

Dieses Erwachen war absurd, als würde er wach werden um zu träumen. Kein schlafender, aber auch kein wacher Traum, er schien der Traum zu sein. Er erwachte und war selbst die Situation. Er träumte nicht, es war nichts unwirklich, es war Realität. Die Fesseln waren messerscharf, schnitten bei jeder Bewegung in Arme und Beine. Die Realität war der Schmerz, der von den Wunden ausging und durch den Körper schauerte. Das Blut noch warm, dass in feinen roten Verästelungen aus den Verletzungen geströmt war.

Er versuchte den Traum zu beeinflussen indem er sich vorstellte, dass das Blut spritzt und ihm Hände und Füße abfallen. Das war nicht ungewöhnlich, er hatte es schon oft so gemacht, die Traumbeeinflussung gab ihm ein gutes Gefühl. Er konnte übertreiben, einerlei wie extrem es war, die Hemmschwelle fiel ungestraft. Die eigene moralische Zurechtweisung gegen sich selbst, die natürlich nach dem Traum geschah, wurde nur kurz mit einem satanischen Grinsen erledigt, was ja aber schließlich keiner sah. Dieses Mal zeigte die versuchte Beeinflussung keine Wirkung.

Er befand sich in einem Gerichtssaal, oder besser, in einem Gerichtsraum. Er sah den Himmel, ein Gerichtsraum hatte aber entweder ein Dach oder eine Kuppel, hier gab es weder das eine noch das andere. Der Himmel war dunkelblau, fast schwarz und voller leuchtender, heller Punkte. Man hätte sie für Sterne halten können, er spürte aber, dass es keine waren. Der Gerichtsraum war groß, einschüchternd, die wenigen Möbel waren klobig. Wände zogen die Grenze zu allen Seiten, sie schienen aus altem Holz zu bestehen. Auf ihnen erkannte er Gesichter und Situationen aus seinem Leben.

Es waren Wände ohne steinerne Mauern, dieser Gerichtsraum benötigte vermutlich keine, nur zusammenhängende Bilder. Er wollte auch keine Mauern überwinden, hier fühlte er sich wohl, die Szenenwände schützten ihn. Es war angenehm warm, obwohl er keine Kleidung trug. Seine Nacktheit schien ihm natürlich, dem Raum angemessen und keine Beleidigung des Gerichts. Er war allein und saß gefesselt in der Mitte des Raumes, war also scheinbar der Angeklagte. Vor ihm stand ein Tisch, links und rechts an den Seiten leere Stühle. Es fehlten der Ankläger und die Verteidiger, es gab weder Geschworene noch Zuschauer.

Vorn im Raum stand ein Tisch für den Richter, aber auch der war leer. Er fühlte sich immer mehr am richtigen Ort, es gab nichts Bedrohliches. Von dem Richtertisch ging ein warmes Gefühl aus, bald würde er kommen, der Raum forderte es. Er hatte keine Angst davor, ein Gefühl von freudiger Erwartung durchströmte ihn. Es würde geschehen, worauf er lange gewartet hatte, seine Erleichterung stand bevor. Er wusste nicht wie sie sich anfühlen, oder was sie ihm Neues bringen würde.

Zufriedenheit konnte es nicht sein, zufrieden war er in diesem Moment. Liebe war es auch nicht, er wollte sie nicht brauchen. Er fühlte sich einsam, erwartete aber Unruhe. Eine seltsame Ansicht, der Gegensatz von Einsamkeit ist Beunruhigung. Damit war sein Gegenstück von Ruhe wohl scheinbar nicht allein zu sein. Der Unterschied zwischen einsam und allein schien für ihn keine Rolle zu spielen. Er war schon lange einsam, eine vermeintlich endlose Zeit in der Hoffnung auf die Erleichterung. Unweigerlich suchte er bei diesen Gedanken die Uhr im Gerichtssaal, aber hier gab es keine Zeit, nur den Moment.

Es war sein Moment, ein wichtiger, ein entscheidender Zeitpunkt. Wer sollte über ihn urteilen, wer könnte ihn werten? Keiner erkannte ihn so gut, dass er über ihn richten konnte. Und wenn doch, dann kam ihm nur einer in den Sinn, der wie er einstmals glaubte, über allem stand und wertfrei und unabhängig entscheiden würde. Damals hatte er mit seinem Glauben an Gott viele Gedanken verloren. Wenn er an einen vermeintlich undenkbaren Gedanken kam, übergab er ihn an den starken Herrn, der unfehlbar im Himmel saß. Es war beruhigend das immer jemand da war, der die letzte Verantwortung übernahm. Gottvaters Entscheidung war dann sein Schicksal.

Das für ihn gedachte Schicksal, war von mehr dunklen als hellen Punkten gekennzeichnet. Die hellen Punkte nahm er als natürlich, nur an den dunklen Punkten hatte er sich an Gott erinnert. Er hatte jeweils still gedroht von ihm abzufallen, nicht mehr an ihn zu glauben. Fühlte sich dann wie ein Kind, ungerecht behandelt und benahm sich dementsprechend. Jedes Mal danach tat es ihm leid, wie er seinen Vater behandelt hatte. Er bekam Schuldgefühle, die ihn wieder näher an seinen Gott brachten. Die Beziehung zu seinem allmächtigen Gottvater, wurde auf Schuldgefühlen gelebt.

Er rechnete mit einem Auftritt von etwas Göttlichem auf der Gerichtsbühne. Das göttliche Gefühl war da, wenn er eine Kirche betrat, oder eine Beerdigung hinter sich brachte. Es war etwas Feierliches, wie in Erwartung einer Absolution. Ein lange gehegtes schlechtes Gewissen, das sich durch eine einzige Verrichtung erleichtern ließ. Anschließend schien der Geist wacher und das Lebensgewicht war wieder tragbar, ein neuer Ausgangspunkt für einen Anlauf. Wahrscheinlich war es aber nur die eingepflanzte Moralität, die sich ihrer Traurigkeit entledigte, ohne in Wut zu geraten.

Es gab in dem Raum keine Türen. Gespannt wartete er, aus welcher Richtung der Richter erscheinen würde, seiner Moralität nach von oben. Der allerdings tat seiner Phantasie nicht den Gefallen, er schien aus dem aus dem Nichts zu kommen. Der Richter tauchte langsam hinter dem Tisch auf, mit dem Rücken zu ihm und ebenfalls nackt. Nach einiger Zeit des Stillstands drehte er sich langsam zu ihm um. Voller Erstaunen sah er sich selbst als Richter, dort stand sein Abbild, sah langsam auf und blickte ihn stumm an.

Ein stummer Blick machte ihm allezeit Angst, die Augen sind nicht tot und nicht starr, sondern blicken nur. Nicht ohne Gefühl, aber mit keinem erkennbaren, ein ruhiger Blick. Als würden die Augen durchschauen, die Seele erkennen und auf etwas warten. Es brachte ihn immer in die Empfindung, etwas nicht erkennen zu können. Daraus entstand ein Anspruch an sich selbst, es verstehen zu müssen, der ihn unter Druck setzte. Der Blick des Richters aber, machte ihm keine Angst, er war wissend und beruhigend zugleich. Die Fesseln an Armen und Beinen fielen von ihm ab, die gebluteten Verästelungen blieben zurück, ebenso wie die Spuren der Fesseln. Der Schmerz seiner Wunden fiel ins Nichts, als würde er abgestoßen.

Er sah sich selbst dort stehen, wie er fand, in seiner ganzen körperlichen Erbärmlichkeit. Er sah einen kleinen, schwabbeligen Bauch und ein kränkelndes Anhängsel im Mittelteil. Die unsicheren Beine waren lang und zu dünn, ebenso die Arme. Die Muskeln die mal waren, hatten sich unter der Krankheit und zu wenig Bewegung zurückgezogen. Die Hände waren knochig und grob, die Haut großporig. Die vom Rauchen teils gelben Fingerspitzen, schlossen mit bis aufs äußerste abgekauten Fingernägeln. An vielen Stellen ging es darüber hinaus an die Haut, abgebissen nicht ohne blutige kleine Wunden zu hinterlassen. An den ständig nach innen wollenden Füßen, gab es an einigen Stellen eine hässliche Hornhaut, der Rest war trocken und blässlich. Die Zehen wirkten verkrampft, sie waren eingezogen und mit unförmigen Zehennägeln besetzt.

Der Kopf schien das einzige an ihm zu sein, was offensichtlich nicht vernachlässigt war. Das Gesicht war gepflegt und der Ausdruck strahlte eine betäubende Lebensbejahung aus, offensichtlicher Zweifel schien außer Frage. Die Haare waren kurz und teilweise mit grauen Strähnen durchzogen. Augen von einem intensiven, eher dunklen grün, die konzentriert einen positiven Eindruck ausstrahlten. Der ganze Körper schien vernachlässigt und aus der Proportion gebracht, mit Ausnahme des in der Öffentlichkeit sichtbaren Teils, zumindest den Teil, den er nicht verbergen konnte. Die inneren Körperteile und die Seele waren vermutlich ähnlich vernachlässigt, wie sein nach Außen verkleideter Körper.

Der körperliche Ausdruck des Richters änderte sich, er schien verunsichert, seine Augen blickten traurig und bettelten um Nachsicht. Sein Körper war gekrümmt, er stützte sich auf einen Handstock und schien kurz davor, sein Gleichgewicht zu verlieren. Das Gesicht war vor Anstrengung verzerrt, der Mann schien lautlos um Hilfe zu rufen. Es war, als hätten sich seine Gedanken ohne Sprache auf den Richter übertragen. Was er sah war eine Person, die ohne die Äußerlichkeit der Robe erbärmlich wirkte. Er verstand nicht, wie ein Richter der rechtmäßig über ihn urteilen sollte, sich selbst so vernachlässigen konnte. Mit welchem Recht, aus welchen Prinzipien konnte der über ihn richten, wenn er im Umgang mit sich selbst nicht mal die geringsten Grundsätze einhalten konnte.

Was ihn aber viel mehr bekümmerte, war seine schnelle, harte Beurteilung über den Richter, fast schon Verurteilung. Er hatte sich immer für besonders tolerant gehalten. Menschen nach ihrem Äußeren zu beurteilen gab es nicht für ihn, zumindest wollte er so sein. Er hatte sich immer viel Mühe gegeben, dass auch nach außen zu zeigen, entweder durch Ausdruck oder durch Worte. Wenn jemand in seiner Umgebung anders handelte oder sprach, wurde er oft mehr oder weniger scharf von ihm zurechtgewiesen. Die Abscheu über solch ein handeln, wurde dann auch von seinem Gesicht ausgedrückt.

Der Richter weinte stumm, er wirkte schutzlos und verzweifelt. Er schien kaum die Kraft zu haben, sich aufrecht zu halten. Etwas Starkes beugte ihn, eine stille Kraft brachte in zum Weinen. Er musste doch auch seine Gedanken nutzen können, wenn der Richter denken würde, könnte er ihn vielleicht verstehen und damit möglicherweise helfen. Aber so sah er nur einen hilflosen, gebeugten Menschen, der über ihn urteilen sollte.

So konnte er den Richter nicht ernst nehmen, dabei wollte er es so gerne. Er suchte doch eine Entscheidung, er suchte doch die Erleichterung. Aber was konnte er schon von einem schwachen, scheinbar hilflosen Richter erwarten. Höhnisch machte er sich im Gedanken über ihn lustig. Eine erbärmliche Person, mit einem erbärmlichen Körper und einer beschränkten Seele, die sich nicht mal mitteilen konnte.

Jetzt schon voll innerer Feindschaft und Ungeduld, machte er dem Richter heftige, gedankliche Vorwürfe. Was er hier solle, bei einem stummen, schwachen Gericht und wie sollte eine augenscheinlich eingeschränkte Person, voller Anmaßung urteilen und ihn verurteilen können. Wie könnte er sich einem energielosen Menschen anvertrauen, er selbst stand doch auf dem Spiel. Er brauchte doch Unterstützung durch Kraft und Stärke, um zu seiner Erleichterung zu kommen.

Der Richter schien unter jedem Gedanken den er empfing, kleiner zu werden und sich mehr und mehr in sich zu verkriechen. Der Körper zuckte unter jedem Gedanken wie unter einem Schlag zusammen. Den Kopf hatte er voller Scham gesenkt, erschüttert von den kalten, feindseligen Gedanken. Er konnte sich nur noch mit äußerster Mühe auf den Beinen halten, selbst sein Handstock schien kaum mehr eine Stütze zu sein.

Dieses Bild ansehen zu müssen erschütterte ihn, er bekam Mitleid mit dem Richter. Wie hatte er seine Toleranz vergessen können, die Behutsamkeit im Umgang mit dem Schwächeren. Welch ein rücksichtsloser Ausbruch an Verachtung und Hass gegenüber dem hilflosen Menschen. Er hatte als Angeklagter den Richter verurteilt, ohne ihn gehört zu haben, nur gemessen an Äußerlichkeiten. Sein Richter durfte keine Schwäche zeigen, dabei war doch wie jeder andere Mensch.

Er hielt den Richter für den Angeklagten, nur aufgrund seiner äußerlichen Schwäche und weil er sie zeigte. Er hatte ihn nicht zu einem Gedanken kommen lassen, so konnte er ihn nicht verstehen. Er hatte den Richter sofort auf seine Schwäche angesprochen und ihm seine Verachtung gezeigt, was ihn stumm machte. Ihn geradewegs mit Gedanken überfallen, damit alle anderen Gedanken erstarrten und zur Stille gezwungen wurden. Das war eine Form der Abwehr, die er nur zu gut kannte.

Der Richter wurde durch diese neuen Überlegungen immer größer, bis er schließlich wieder aufrecht dastand. Sein Körper drückte jetzt Freude und Zutrauen aus, die Körperhaltung war freundlich und offen zugewandt. Das Gesicht strahlte vor Sicherheit, aus den Augen sprach ein Ausdruck von Wärme und Vertrauen. Ein angenehmer Mensch, mit einer liebevollen, sanften Ausstrahlung. Er erkannte, das vom Richter Hilfe kommen würde und keine Verurteilung. Das Vertrauen zum Richter war durch seine eigenen Gedanken gewachsen, nicht durch seine intoleranten Verurteilungen. Sein Vertrauen in die Schwäche des Richters machte stark, führte ihn zu Freude und Vertrauen, in Wärme und freundliche Zuwendung.

Er war inzwischen angefüllt von diesen Gefühlen und war glücklich, er hätte am liebsten die ganze Welt umarmt und es allen Menschen erzählt. Er nahm jetzt die Gedanken des Richters wahr, sie deuteten ihm die vielen hellen Punkte am Himmel, als alle Gedanken der Welt. Er sollte ihnen freundschaftlich begegnen und sich öffnen, dann könnte er sie verstehen. Auch die Wände und der Boden waren jetzt dunkelblau und voller heller Punkte. Die Gedanken waren um ihn herum, die Wände und damit sein Leben, hatten sich in Vertrauen und Verständnis gewandelt. Er war und gehörte mitten in diese Welt und stand nicht Abseits davon, einsam hatte er sich selbst gemacht.

Er verstand, wie er die Erleichterung bekommen würde. Um sich bei ihm zu bedanken, ging er auf den Richter zu, auch der Richter kam ihm entgegen. Als er ihn umarmen wollte, stieß er gegen den riesigen Spiegel, der mitten im Gerichtsraum stand. Vor sich sah er sein Spiegelbild, mit erstauntem Gesichtsausdruck, aber voller Freude und Zuversicht.

Er erwachte aus dem Traum, nackt vor dem großen Badezimmerspiegel. Er sah sein gelöstes, freundliches Gesicht und die strahlenden Augen. Er betrachtete seinen kränklichen Körper und fand ihn, trotz aller Schwächen schön. Er versprach ihm, ihn nicht mehr zu vernachlässigen. Er sah den Handstock auf den er sich stützte und dankte ihm für die Hilfe. Er sah seine Krankheit und sagte sich, ich kann auch mit der Multiple Sklerose leben.


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