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Wir wollen uns weigern, das zu sagen, was wir nicht denken. (Solschenizyn)

Dornentraum
- von Michael

Er hatte schon viele unterschiedliche Phasen kurz nach dem wach werden durchgemacht. Die angenehme Version war die morgendliche Liebe, eine sehr impulsive, gefühlreiche Variante. Die weniger Willkommene, war das Aufwachen mit Schmerzen durch verkrampfte Muskeln, die ihn allerdings regelmäßiger besuchte. Auch das Erwachen nach einem Albtraum, war ein schlimmer Tagesbeginn, nahm er doch das Grauen mit in den Tag hinein.

Dieses Erwachen aber war absurd, als würde er wach werden um zu träumen. Kein schlafender, aber auch kein wacher Traum, er schien die Illusion zu sein. Er erwachte und war selbst die Situation. Er träumte nicht, es war nichts unwirklich, es war Realität. Die Dornenbänder waren messerscharf, sie schnitten bei jeder Bewegung in Arme und Beine. Die Realität war der Schmerz, der von den Wunden ausging und der sich durch seinen Körper bohrte. Das Blut war noch warm, dass sich in Bahnen von feinen Verästelungen verloren hatte.

Er befand sich in einem Gerichtssaal. Ein Gerichtsraum hatte entweder Dach oder Kuppel, aber er sah den Himmel. Der war dunkelblau, fast schwarz und voller leuchtender, heller Punkte. Man hätte sie für Sterne halten können, er spürte aber, dass es keine waren. Der Gerichtssaal war groß und einschüchternd, die wenigen Möbel waren klobig. Wände zogen die Grenze zu allen Seiten, sie schienen aus altem Holz zu bestehen. Erstaunt erkannte er Abbildungen von Gesichtern und Situationen aus seinem Leben, die als Relief sämtliche Wände bedeckten.

Um die Bilder herum, zogen sich Ranken aus Rosen, die aber größtenteils mit Dornen bedeckt waren. Es waren Wände ohne Mauern, dieses Gericht benötigte vermutlich keine steinernen Grenzen, nur zusammenhängende Bilder. Er wollte auch keine Mauern überwinden, hier fühlte er sich wohl, seine Bildwände schützten ihn. Es war angenehm warm, obwohl er keine Kleidung trug. Seine Nacktheit schien ihm natürlich, dem Raum angemessen und keine Beleidigung des Gerichts.

Er war allein, saß mit den schmerzhaften Bändern aus spitzen, scharfen Dornen in der Mitte des Raumes. Vor ihm stand ein Tisch, links und rechts an den Seiten standen einige unbesetzte Stühle. Vorn im Raum stand ein Tisch für den Richter, aber auch dort war niemand. Auf dem Richtertisch stand eine Vase mit roten Rosen, ihre Stängel waren über und über mit gefährlich aussehenden Dornen besetzt. Selbst die weichen Blüten der Rosen hatten einige scharfe Stacheln, als sollte niemand ihre Schönheit berühren dürfen. Er fühlte sich am richtigen Ort, es gab nichts Bedrohliches, auch nicht die Dornenrosen, er wollte nichts Schönes berühren. Von dem Richtertisch ging ein warmes Gefühl aus, er hatte keine Angst, ein Gefühl von freudiger Erwartung durchströmte ihn. Es würde geschehen, worauf er lange gewartet hatte.

Es war sein Moment, ein wichtiger, ein entscheidender Zeitpunkt. Wer sollte über ihn urteilen, wer könnte ihn werten. Keiner erkannte ihn so gut, dass er über ihn richten konnte. Und wenn doch, dann kam ihm nur einer in den Sinn, der wie er einstmals glaubte, über allem stand und wertfrei und unabhängig entscheiden würde. Damals hatte er mit seinem Glauben an Gott viele Gedanken verloren. Wenn er an einen vermeintlich undenkbaren Gedanken kam, übergab er ihn an den starken Herrn, der unfehlbar richtete. Es war beruhigend, das immer jemand die letzte Verantwortung übernahm.

Das für ihn gedachte Schicksal, war von mehr dunklen als hellen Punkten gekennzeichnet. Die hellen Punkte nahm er als natürlich, nur an den dunklen Punkten hatte er sich an Gott erinnert. Er hatte jeweils still gedroht von ihm abzufallen, nicht mehr an ihn zu glauben, fühlte sich wie ein Kind, ungerecht behandelt und benahm sich dementsprechend. Jedes Mal danach tat es ihm leid, wie er seinen Vater behandelt hatte. Er bekam Schuldgefühle, die ihn wieder näher an seinen Gott brachten. Die Beziehung zu seinem allmächtigen Vater, wurde auf seinen Schuldgefühlen gelebt.

Er rechnete mit einem Auftritt von etwas Göttlichem auf der Gerichtsbühne. Das göttliche Gefühl war da, wenn er eine Kirche betrat, oder eine Beerdigung hinter sich brachte. Es war etwas Feierliches, wie in Erwartung einer Absolution. Ein lange gehegtes schlechtes Gewissen, das sich durch eine einzige Verrichtung erleichtern ließ. Anschließend schien der Geist wacher und das Lebensgewicht war wieder tragbar, ein Ausgangspunkt für einen neuen Anlauf. Wahrscheinlich war es aber nur die in ihn eingepflanzte Moralität, die sich ihrer Traurigkeit entledigte, ohne in Wut zu geraten.

Es gab keine Türen, gespannt wartete er, aus welcher Richtung der Richter erscheinen würde, seiner Moralität nach von oben. Der allerdings, tat seiner Phantasie nicht den Gefallen, er schien aus dem Nichts zu kommen. Der Richter tauchte langsam hinter dem Tisch auf, mit dem Rücken zu ihm und ebenfalls nackt. Auch er war mit den Bändern aus Dornen gefesselt. Nach einiger Zeit des Stillstands drehte er sich langsam zu ihm um. Voller Erstaunen sah er sich selbst als Richter, dort stand sein Abbild, es sah langsam auf und blickte ihn stumm an.

Ein stummer Blick machte ihm stets Angst, die Augen sind nicht tot und nicht starr, sondern blicken nur. Nicht ohne Gefühl, aber mit keinem erkennbaren, ein ruhiger Blick. Als würden die Augen durchschauen, die Seele erkennen und auf etwas warten. Es brachte ihn immer in die Empfindung, etwas nicht erkennen zu können. Daraus entstand ein Anspruch an sich selbst, es verstehen zu müssen, der ihn unter Druck setzte. Der Blick des Richters aber, machte ihm keine Angst, er war wissend und beruhigend zugleich. Die Dornenbänder fielen plötzlich von ihm ab, die gebluteten Verästelungen blieben zurück, ebenso wie die Spuren der Fesseln. Der Schmerz seiner Wunden fiel ins Nichts, als würde er abgestoßen.

Er sah sich selbst dort stehen, wie er fand, in seiner ganzen körperlichen Erbärmlichkeit. Die unsicheren Beine waren lang und zu dünn, ebenso die Arme. Die Muskeln die mal waren, hatten sich unter der Krankheit und zu wenig Bewegung zurückgezogen. Die Hände waren knochig und grob, die Haut großporig. An den ständig nach innen wollenden Füßen, waren die Zehen verkrampft und eingezogen. Der Kopf schien das einzige an ihm zu sein, was nicht vernachlässigt war.

Sein Gesicht war gepflegt und der Ausdruck strahlte Lebensbejahung aus, natürlicher Zweifel schien außer Frage. Die Haare waren kurz und teilweise mit grauen Strähnen durchzogen. Augen von einem intensiven, eher dunklen grün, die konzentriert einen positiven Eindruck ausstrahlten. Der ganze Körper schien vernachlässigt und aus der Proportion gebracht, mit Ausnahme des in der Öffentlichkeit sichtbaren Teils. Die inneren Körperteile und seine Seele waren vermutlich ähnlich vernachlässigt - wie sein verkleideter Körper.

Der körperliche Ausdruck des Richters änderte sich, er schien verunsichert, seine Augen blickten traurig und bettelten um Nachsicht. Sein Körper war gekrümmt, er stützte sich auf einen Handstock und schien kurz davor, sein Gleichgewicht zu verlieren. Das Gesicht war vor Anstrengung verzerrt, der Mann schien lautlos um Hilfe zu rufen. Es war, als hätten sich seine Gedanken ohne Sprache auf den Richter übertragen. Der Rosenstrauß auf dem Tisch vor ihm, schien sich immer mehr mit Dornen zu überziehen, auch die samtenen Blüten waren jetzt fast vollständig davon bedeckt. Was er sah, war eine Person die ohne die Äußerlichkeit der Robe erbärmlich wirkte. Er verstand nicht, wie ein Richter der über ihn urteilen sollte, sich selbst so vernachlässigen konnte.

Was ihn aber immer mehr bedrückte, war seine schnelle, harte Beurteilung über den Richter, fast schon Verurteilung. Er hatte sich immer für besonders tolerant gehalten. Menschen nach ihrem Äußeren zu beurteilen gab es nicht für ihn, zumindest wollte er so sein. Er hatte sich immer viel Mühe gegeben, dass auch nach außen zu zeigen, entweder durch Ausdruck oder durch Worte. Wenn jemand in seiner Umgebung anders handelte oder sprach, wurde er oft scharf von ihm zurechtgewiesen. Die Abscheu über solch ein handeln, wurde dann auch von seinem Gesicht ausgedrückt.

Der Richter weinte stumm, er wirkte schutzlos und verzweifelt. Er schien kaum die Kraft zu haben, sich aufrecht zu halten. Etwas Starkes beugte ihn, eine stille Kraft brachte in zum Weinen. Wenn der Richter seine Gedanken nutzen würde, könnte er ihn vielleicht verstehen. Aber so sah er nur einen hilflosen, Menschen, tief gebeugt in einer traurigen Stille. Was konnte er schon von einem wehrlosen Richter erwarten. Höhnisch machte er sich im Gedanken über ihn lustig. Eine armselige Person, die sich nicht mal mitteilen konnte.

Voll innerer Feindschaft und Ungeduld, machte er dem Richter weitere heftige, gedankliche Vorwürfe. Was er hier solle, bei einem stummen, schwachen Gericht. Wie sollte eine offensichtlich eingeschränkte Person, voller Anmaßung urteilen und ihn verurteilen können. Wie könnte er sich einem energielosen Menschen anvertrauen, er selbst stand doch auf dem Spiel. Er brauchte doch Unterstützung durch Kraft und Stärke, schwach fühlte er sich selbst.

Der Richter schien unter jedem Gedanken den er empfing, kleiner zu werden und sich mehr und mehr in sich zu verkriechen. Sein Körper zuckte unter jedem Gedanken wie unter einem Schlag zusammen. Den Kopf hatte er voller Scham gesenkt, erschüttert von der kalten, feindseligen Gedankenkraft. Mit seiner freien Hand, hielt er krampfhaft den Rosenstrauß umklammert, der sich inzwischen vollkommen zum Dornenstrauß gewandelt hatte. Sein Gesicht war schmerzverzerrt, er konnte sich nur mit äußerster Mühe auf den Beinen halten, sein Handstock schien ihm kaum mehr eine Stütze zu sein.

Dieses Bild ansehen zu müssen erschütterte ihn, er bekam Mitleid mit dem Richter. Wie hatte er seine Toleranz vergessen können, die Behutsamkeit im Umgang mit dem Schwächeren. Welch ein rücksichtsloser Ausbruch an Verachtung und Hass gegenüber dem hilflosen Menschen. Er hatte als Angeklagter den Richter verurteilt, ohne ihn gehört zu haben, nur gemessen an Äußerlichkeiten. Der Richter durfte keine Schwäche zeigen, dabei war er doch empfindsam, wie jeder andere Mensch auch.

Er hielt den Richter für den Angeklagten, nur aufgrund seiner äußerlichen Schwäche und weil er sie offen zeigte. Er hatte ihn nicht zu einem Gedanken kommen lassen, so konnte er ihn nicht verstehen. Er hatte den Richter sofort auf seine Schwäche angesprochen und ihm seine Verachtung gezeigt, was ihn stumm machte. Ihn geradewegs mit Gedanken überfallen, damit alle anderen Gedanken erstarrten und zur Stille gezwungen wurden. Das war eine Form der Abwehr, die gerade im sehr bekannt vorkam.

Der Richter wurde durch diese neuen Überlegungen wieder größer, bis er schließlich aufrecht dastand. Sein Körper drückte jetzt Freude und Zutrauen aus, die Körperhaltung war freundlich und offen zugewandt. Das Gesicht strahlte vor Sicherheit, aus den Augen sprach ein Ausdruck von Wärme und Vertrauen. Er erkannte, das vom Richter Hilfe kommen würde und keine Verurteilung. Das Vertrauen zum Richter war durch seine vorurteilsfreien Gedanken gewachsen, nicht durch seine intoleranten Verurteilungen. Sein Vertrauen in die Schwäche des Richters machte ihn stark.

Er war inzwischen angefüllt von den warmen Gefühlen und war glücklich, er hätte am liebsten die ganze Welt umarmt, allen Menschen davon erzählt. Er nahm jetzt die Gedanken des Richters wahr, sie deuteten ihm die hellen Punkte am Himmel, es waren alle Gedanken der Welt. Er sollte ihnen freundschaftlich begegnen und sich öffnen, dann würde er sie verstehen. Auch die Wände und der Boden waren jetzt dunkelblau und voller heller Punkte. Die Gedanken umringten ihn, die Begrenzungen und damit sein Leben, hatten sich in Vertrauen und Verständnis gewandelt. Er gehörte mitten in diese Welt und stand nicht einsam im Abseits.

Der Dornenstrauß auf dem Richtertisch, hatte sich wieder in einen Rosenstrauß gewandelt. Am Stängel waren die wenigen nötigen Dornen, aber nicht am Blütenkopf, die Blüte war weich und samtig. Er verstand, wie er die Erleichterung bekommen würde. Um sich bei ihm zu bedanken, ging er auf den Richter zu, auch der Richter kam ihm entgegen. Als er ihn umarmen wollte, stieß er gegen den riesigen Spiegel, der mitten im Gerichtssaal stand. Vor sich sah er sein Spiegelbild, mit erstauntem Gesichtsausdruck, aber voller Freude und Zuversicht.

Er erwachte aus dem wachen Traum, nackt vor dem großen Badezimmerspiegel, sah sein gelöstes, freundliches Gesicht und die strahlenden Augen. Er hatte noch, wie der Rosenstrauß in seinem Traum, die nötigen Dornen, aber seine Blüte war befreit davon. Er betrachtete seinen kränklichen Körper und fand ihn, trotz aller Schwächen schön. Er würde ihn nicht mehr voller Verachtung vernachlässigen. Er sah den Handstock auf den er sich stützte und dankte ihm für die Hilfe.


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