zurück
Viel Wissen bedeutet noch nicht Verstand. (Heraklit)

Ahnungen
- von Michael

Schon als er sie über die Schwelle trug, kam er das erste Mal ins Straucheln, nicht ungewöhnlich nach einer langen Zeit des Erwartens. Das über die Schwelle tragen war für ihn wie ein Zieleinlauf, mit letzter Energie das lange Warten bestätigend. Während er vorwärts stolperte, liefen die Jahre vor seinen Augen ab, an der er alles daran gesetzt hat sie zu bekommen. Auf was hatte er alles verzichtet, was war ihm in der Zeit genommen worden?

Es hatte vor einigen Jahren angefangen. Niemals hatte er sich ernsthafte Gedanken darüber gemacht, er lebte sorglos in den Tag, erledigte dabei seine Pflichten und war eigentlich glücklich. Allerdings merkte er in manchen Momenten, dass ihm etwas fehlte. Er konnte es an nichts festmachen, dieses Gefühl kam von innen und nahm so manches Mal Besitz von ihm. Er hatte sich wenig Mühe gemacht es zu erkennen, es gab viele Möglichkeiten sich abzulenken.

Eines Tages stand sie dann unvermittelt wieder vor ihm, er konnte nicht daran vorbei gehen. Es war kein schöner Tag, er war dunkel und windig, voller Wolken, leichte Regenschwaden waberten über die Menschen und schienen sie einzuschließen. Seit dem frühen Morgen war er schon gehetzt. Aufgewacht nach einem furchtbaren Albtraum, im Bad fast gestürzt und dann hatte auch noch die Kaffeemaschine ihren Geist aufgegeben. Ein Morgen ohne Kaffee, war für ihn ein schlechter Beginn, auch wenn der Morgen oft für ihn erst am Mittag war. Er hatte es schon mal mit Tee versucht, aber das war nicht dasselbe, wahrscheinlich ging es ihm um das Ritual.

Also ein schlechter Beginn seines Morgens an diesem Tag. Missmutig hatte er sich an seinen Computer gesetzt, um mit seiner Arbeit zu beginnen. Nach zwei vergeblichen Stunden einen Anfang zu finden, gab er entnervt auf und schaltete den Computer ab. Starr saß er vor dem Gerät und schaute dumpf auf den ausgeschalteten Monitor. Viele Male hatte er bisher über das Schicksal nachgedacht und über seine Vorboten, er nannte sie seine Ahnungen des Schicksals. Er meinte schon früh zu verspüren, wenn es das Schicksal mal wieder mit einer außergewöhnlichen Sache auf ihn abgesehen hatte.

Dabei ging es nicht nur um negative Erfahrungen, auch die positiven schienen sich vorher anzukündigen. Welcher Art der Erfahrung es würde, war ihm aber nicht sofort klar. Nachdem er einige Male vom Schicksal angetippt wurde, füllte ihn die Ahnung unmittelbar aus, es war wie eine Erkenntnis. Die erste Reaktion von ihm war Ungläubigkeit, so etwas konnte nicht sein. Wann hatte man schon jemals davon gehört, dass jemand sein Schicksal ahnen könnte. Zuerst tat er es immer als Spinnerei ab, sein logisches Denken verbot ihm seiner Wahrnehmung zu trauen. Und nicht zuletzt die Erziehung nach dem Motto, glaube nur das, was du siehst oder in der Hand hältst.

Am Ende kam dann die Ernüchterung. Es passierte immer etwas außergewöhnliches, wenn er dieses Gefühl hatte, ob nun positiv oder negativ. Dann schwor er sich, beim nächsten Mal seiner Wahrnehmung zu trauen und seinem Gefühl zu folgen. Aber regelmäßig schob sein Verstand einen Riegel vor die Wahrnehmung und tat alles, um sein Gefühl spöttisch, als albern und gar nicht Erwachsen darzustellen. Erwachsen wollte er nun mal sein, wenn es ihn auch manchmal anwiderte, die Erwachsenenwelt zu betrachten. Kinder waren für ihn Freude, Spaß, Spielen, Phantasie, Reden ohne Nachdenken, ohne viel ernsthafte Logik. Erwachsene waren Krieg, schlagen, Missbrauch, Lügen, Betrügen und machten aus ihrem Spaß eine Show.

Nachdem er vom Computer aufgestanden war, warf er einem flüchtigen Blick aus dem Fenster. Das herrschende Mistwetter, quittierte er mit einem langen Mantel und ging ziellos auf die Straße. Er lief einfach drauf los, ohne sich darum zu sorgen, wo das Ziel seiner Schritte lag und jetzt stand er vor ihr. Sie sah nicht gerade wie der Wunsch jedes Mannes aus, aber das wollte er auch nicht, er hatte sie lieber mit etwas eigenem. Ihre Formen waren weich geschwungen, ihre Schlankheit hatte er in seiner Phantasie schon oft bewundert. Die Ausstrahlung die von ihr ausging war überwältigend, am liebsten hätte er sie auf der Stelle zärtlich gestreichelt und ihr die Energie gegeben, die sie innerlich zum Strahlen brachte.

Er hatte sie im Laufe der Jahre schon einige Male gesehen und bewundert, aber immer war es nicht die Gelegenheit es zu tun. Er wusste von Beginn an, dass es eine Entscheidung fürs Leben werden würde. Sie würde immer bei ihm sein und seinem Leben die Helligkeit und Wärme verleihen, die er schon so lange verzweifelt gesucht hatte. Nicht das es in seinem Leben nur Dunkelheit gegeben hatte, aber etwas hatte ihm immer gefehlt. Versucht hatte er es mit unzähligen anderen, die ihm aber im Vergleich zu ihr, nichts Dauerhaftes geben konnten. Es gab jeweils eine kurzfristige Befriedigung, nach der aber bald ein verkatertes Erwachen folgte.

Manches Mal wenn er ihr begegnete, wagte er es nicht ihr näher zu kommen. Seinerzeit schätzte er seinen Wert niedrig ein, es erschien ihm unmöglich, ihr den Platz in seinem Leben zu geben den sie verdiente. Voller Hemmungen schlich er dann an ihr vorbei, aber nicht ohne einen sehnsuchtsvollen einen Blick auf sie zu werfen. Wenn er dann wieder in seine Wohnung kam, betrübte ihn sein Leben und seine Umgebung umso mehr. Verzweifelt schaute er dann immer in die Leere und stellte sich vor, wie es mit ihr wäre. Nach dieser eigenen Vergewaltigung warf er sich immer ins Bett und wälzte sich unruhig hin und her, bis er dann in einen schweren Schlaf verfiel.

Aber dieses Mal stimmte wirklich alles, außer dem Wetter, aber wie sollte ein dunkler Himmel die Romantik stören, wichtig war, dass er sie gefunden hatte. Das er viel dafür hergeben musste, war ihm egal geworden, diese Zuneigung war über Jahre gewachsen und stand vor ihrer Erfüllung. Er ging mit ihr zu seiner Wohnung und trug sie mit einem heißen Triumphgefühl die letzten Schritte über die Schwelle, vor nervöser Erwartung schwankend und stolpernd. Beim vorletzten Schritt kam er ins Straucheln, der letzte Schritt war schon das pure Entsetzen und brachte ihn endgültig zu Fall.

Er fiel und wollte sie noch mit seinem Körper schützen, aber es war vergeblich, sie schlugen gemeinsam mit Wucht auf den Boden. Ihm war nichts passiert, aber der schön geschwungene halbrunde Lampenschirm war in tausend Teile zersprungen, das edle, schlanke Messing-Standbein war verbogen. Die lang ersehnte BAUHAUS-Lampe war nur noch Schrott in seinen Händen, der das teuer bezahlte Teil auf einen Schlag hässlich und wertlos machte. Er lag entsetzt zwischen den Trümmern und dachte an seine Ahnungen, er hatte es gewusst, heute würde etwas passieren.


Haftungsausschluss © 2000 - 2010   mb ( http://www.muskl.de )

zum Seitenanfang