Ich war noch nicht mal auf der Welt, da bekam meine Mutter 1988 die Diagnose MS! Der Arzt meinte, es wäre besser wenn sie mich nicht bekäme, aber trotzdem hatte sie sich für mich entschieden, denn mein Bruder sollte kein Einzelkind bleiben. Ich habe ihre Krankheit mein Leben lang mitverfolgt. Eine Zeit lang konnte sie mich noch vom Kindergarten mit dem Auto abholen, doch das war auch bald vorbei. Sie brauchte immer eine Lupe zum Lesen und irgendwann musste sie immer beim Gehen gestützt werden. Ich war vielleicht 4, da hat sie mich schon zur Krankengymnastik und Ergotherapie mitgenommen. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass wir keine Haushaltshilfe hatten?! Sie war jeden Freitag bei uns um sauber zu machen. Mama konnte noch einiges, wie Wäsche waschen, abwaschen, aufräumen und meckern *g*... ich kannte nie ein Leben mit einer gesunden Mutter!
Ihr Leben ist mit Schüben und Krankenhausaufenthalten gekennzeichnet. Sie hat nie versucht die Krankheit zu akzeptieren! NIE! Ihre größte Hoffnung war 1998 Dr. Heberle in Rheinland-Pfalz. Im Fernsehen hatte sie gesehen, dass er MS-Kranke wirklich geheilt hat. Als wir dahin fuhren hatte sie Medikamente bekommen, die wir aber nicht lange finanzieren konnten, da wir nicht genug Geld hatten. Ein Leben am Rolator und dann im Rollstuhl. Ich musste sie ab 1998/1999 pflegen und waschen. Natürlich hat mein Papa mir geholfen, der natürlich auch arbeiten musste. Mein Papa wollte unsere Wohnung umbauen lassen, da wir im 1.Stock lebten, doch dafür reichte das Geld nicht.
Mama hat in dieser Zeit sehr viel geweint. Sie konnte nicht mehr eigenständig die Treppen laufen, oder zur Toilette. Oft waren ihre Hosen und Binden nass, da sie es nicht geschafft hat. Im Sommer 1999 bekam meine Mutter Sitzwunden vom Rollstuhl, da sie immer mit bloßen Beinen darin saß. Papa hat sie eine Weile gepflegt, doch er wurde alleine nicht damit fertig. Im August musste sie sofort operiert werden. Mama lag eine Weile im Krankenhaus und dann durfte sie wieder nach Hause. Diese Zeit war schlimm,denn Mama lag nur noch im Bett. Sie konnte fast gar nix mehr.Die Sozialstation kam und pflegte sie komplett. Zweimal musste Mama in der Zeit ins Krankenhaus, weil immer was mit ihren Wunden nich stimmte.
Unser Hausarzt kam und meinte, es wäre besser Mama käme vorrübergehend in ein Pflegeheim, da betreue man sie besser. Ich muss aber leider sagen, dass aus diesem vorrübergehend mittlerweile 7 Jahre geworden sind. Ich bin nun 17. Wir haben Mama oft besucht, doch nach dem Tod meines Bruder 2001 (er wurde nur 17 Jahre alt), wurden die Besuche weniger. Bitte fragen sie nicht wieso - ich weiss es selber nicht! Mama hat seinen Tod bis heute nich verkraftet. Wir sind umgezogen und zwar 125 km entfernt von Mama, da mein Vater eine Lebensgefährtin hat. Ich wollte das Mama mitzieht, doch die Schwestern meinten es wäre besser, dass sie dort bliebe wo sie ist, da sie dort die Umgebung und Menschen kennt. Es war verdammt schwer für uns das so hinzunehmen, aber für Mama war es wichtig.
Wir sind umgezogen, da wir es nich mehr verkraftet haben von den Erinnerungen eingeholt zu werden. Ich besuche Mama sooft ich kann, aber da ich Schule habe und die Bus-und Zugfahrten sehr teuer sind, kann ich es leider nich oft, als alle zwei Monate. Mein schlechtes Gewissen ist größer als alles andere, da ich nicht weiss, inwiefern Mama alles mitbekommt. Wenn ich ihr Dinge erzähle, dann kann sie sich erinnern, redet und lacht. Doch manchmal ist sie geistesabwesend und wird schnell müde. Ich bin sehr traurig darüber, dass ich nicht so bin und sie ständig besuchen fahre! Ich bin nach jedem Besuch fix und fertig. Sie so zu sehen, in ihrem Bett oder Rollstuhl, hilflos und einsam. Es tut verdammt weh, im tiefsten meiner Seele.
Ich bin wahrscheinlich noch zu jung, um damit umgehen zu können. Ich hab immer gewünscht sie würde gesund werden, doch die Hoffnung ist verloren. Sie kann noch nicht mal mehr essen oder trinken, da sie eine sog. Schlucklähmung hat. Alles wird durch eine Magensonde zugeführt. Krankengymnastik und Ergotherapie bekommt sie immernoch. Ich bin einfach traurig darüber, dass Gott einen Menschen sowas antun kann. Einer fleißigen, intelligenten, liebenwürdigen und doch sturen Frau. Ich kann immernoch nicht begreifen, dass Mama eine von vielen sein muss, die dieses Schicksal ergriff.
Susanna
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