Seit 1989 weiß ich um meine MS, seit Jahren arbeite ich Vollzeit im Dreischichtsystem. Seit meinem letzten Schub 4/03 kann ich das nicht mehr. Nicht etwa das ich nicht schon vorher Einschränkungen bemerkt hätte; ich war viel schneller müde als vorher und zeitweise sah mein Leben eher so aus, als würde ich nicht arbeiten um zu leben sondern eher umgekehrt. Doch nachdem sich nach der Kortisontherapie meine Konzentrationsstörungen und meine erheblichen Ermüdungserscheinungen, sowie meine Schwäche linksseits nicht wesentlich gebessert hatten, musste ich einsehen dass ich so nicht weitermachen konnte.
Ich hatte schon früher überlegt, ob nicht eine Umschulung möglich wäre, doch jetzt mit den neu aufgetretenen Störungen, war dieser Gedanke eher gestorben, eine Umsetzung in einen anderen Bereich hatte ich erwogen, aber keinen weniger belastenden Bereich gefunden.
Also blieb mir als Letztes eine Beratung bei der BfA, wo ich meine Überlegungen ansprach, aber auch deutlich machte das ich davon ausginge, das ich am Besten in meinem erlernten Beruf aufgehoben wäre, zumal ich dort seit 1988 beschäftigt bin und einen relativ sicheren Arbeitsplatz habe, für mich eher eine Teil-EU-Rente in Frage käme. Ich sollte dennoch einen Antrag auf „Teilhabe am Arbeitsleben stellen“, überprüfen würden sie es sowieso und wenn sich dabei dann herausstellt, dass es zu einer Rente käme würde man das auch so machen, auch bei diesem Antrag.
In meiner grenzenlosen Naivität und natürlich auch mit der Hoffnung es würde alles vielleicht doch besser werden, stellte ich diesen Antrag 6/03. Im September bekam ich mitgeteilt das ich zu einem Gutachten müsse und kurze Zeit später auch wann und bei wem. Ich hatte inzwischen sogar meine Konzentrationsfähigkeit testen lassen und nahm den Befund gleich mit. Die Gutachterin stellte fest, das ich nur noch begrenzt, im Sinne von halbtags, belastbar bin und sagte mir das sie eher für eine Teilrente wäre und das sie das auch so an die BfA weitergeben würde.
Etwas bedrückt, aber dennoch eigentlich froh, ließ ich mir in etwa ausrechnen wie meine finanziellen Verhältnisse sich wohl dadurch verändern würden. Bin daraufhin mit den Zahlen nochmals zur BfA und fragte nach wie denn der weitere Verlauf aussehen würde, denn natürlich bin daran interessiert, nicht all zu lang im Krankengeld hängen zu bleiben. Davon kann ich nicht leben. Dort erfuhr ich dann, nach nur vierstündiger Wartezeit, das selbst wenn der med. Dienst der BfA der Teilrente zustimmt, ich dann erstmal einen Rentenantrag stellen müsse, dann würde der Antrag auf Teilhabe am Arbeitsleben umgewandelt in den Rentenantrag, d.h. das Datum des Antrages auf „Teilhabe am Arbeitsleben“ gilt als Antragstellungsdatum. Jetzt schon einen Rentenantrag zu stellen wäre sinnlos, da die Abt. „Rente“ erst einmal das Urteil des Medizinischen Dienstes abwarten würde und außerdem, dann das Datum der Antragstellung des Rentenantrages gelten würde.
Es war also nicht möglich diesen verkorksten Vorgang irgendwie zu beschleunigen. Trotzdem fragte ich in Berlin bei der BfA nach ob das so richtig wäre, denn diese Schikane konnte ich wirklich nicht glauben. Leider wurde dies aus Berlin so bestätigt. Mir gingen Gedankenblasen durch den Kopf, die ich hier nicht wiedergeben will, aber jeder kann sie sicher aufs Übelste füllen. Für mich heißt das, dass ich vermutlich bis mindestens 3/04 mit Krankengeld auskommen muss, während erneut über dieselben Angaben von mir hin und her sinniert wird.
Damit mich hier keiner falsch versteht, ich habe nichts gegen die Prüfung, ob das was ich angebe auch tatsächlich so ist, doch ich habe etwas dagegen, tausend Formulare mit immer wieder gleichen Angaben zu füllen, das dann über jedem Blatt Papier und über den immer gleichen Daten immer wieder erneut gebrütet wird. Im Zeitalter von Computern und deren Vernetzungen sollte dies unnötig geworden sein. Ich habe etwas gegen Beratungen, die nicht darüber beraten welcher Antrag am sinnvollsten und schnellsten ist. Ich habe etwas dagegen, das mir jemand kerngesund und mit gutem Gehalt gegenüber sitzt und mir sagt: „Wieso, sie bekommen doch dann Krankengeld“. 65% meines letzten Nettogehalts sind vielleicht gerade ausreichend um zu überleben, meine monatlichen Kosten lassen sich davon nicht tragen.
Denkt man eigentlich überall, dass Kranke solche Anträge stellen weil es ihnen so gefällt? Glaubt man vielleicht, durch das Ausfüllen von Formularen entsteht ein Lustgewinn? Hey, ich würde lieber wie vorher arbeiten und mir dies geschilderte Szenario ersparen, ich kann es nur leider nicht. Ich habe nicht HIER geschrien, als die MS verteilt wurde, die hab ich bekommen; einen Lottogewinn leider nicht.
Bei all diesen endlosen Diskussionen über das Rentenwesen und das immer knapper werdende Geld in den Kassen; vermisse ich die Diskussion, vielmehr die Feststellung darüber, welchen erheblichen Verwaltungsaufwand dieses System selbst produziert. Und welche Dinge im Zeitalter von Computern und deren Vernetzung unnütz geworden sind.. Mit der BfA habe ich hier auf jeden Fall einen Rentenversicherungsträger erwischt, der sich was die Verwaltung angeht noch immer verhält, als werden die Anträge in Steinplatten gemeißelt und müssten von Sklaven von einem Büro ins nächste getragen werden.
Ich hoffe, dass sich das so schnell als möglich ändert, denn auch das können wir uns nicht mehr leisten.
Nachtrag / Teil 2
Mein aus dem "Antrag auf Teilhabe am Arbeitsreleben" resultierender Rentenantrag wurde im Mai 2004 entschieden. Nach "nur" 11-monatiger Bearbeitungszeit, wurde mir für genau "11 Monate" eine halbe Rente zuerkannt, befristet bis 12/04.
In der Zwischenzeit hatte ich jedoch den Versuch gestartet ob ich an einem anderen Arbeitsplatz besser zurecht komme. Ich war von der Notfallaufnahme in den OP als Versorgungsassistentin gewechselt. Das Aufgabengebiet war zumindest ganz anders, ich war praktisch zur Lagerarbeiterin geworden. Mit Patienten hatte ich nichts mehr zu tun. Nach einem Monat wusste ich, dass ich dort nicht glücklich werde, denn die Arbeit mit Patienten habe ich gelernt - und mache ich gern.
Ich habe in der (fast) kompletten Bearbeitungszeit meines Antrages weitergearbeitet, nur in der "Arbeitserprobung" mit vier Stunden täglich. Ich war dankbar, dass mein Arbeitgeber sowohl die Versetzung, als auch die Dauer der Arbeitserprobung getragen hat. Doch ich wollte wieder zurück an meinen alten Arbeitsplatz, ich war kreuzunglücklich. Ab Januar 2004 war ich im Krankengeldbezug, der zum Glück nicht 65% meines Nettogehalts, sondern etwa 90 % meines Nettogehalts ausmachte.
Die Bearbeitung meines Antrages auf Teilhabe gestaltete sich für mich langsam unerträglich, denn trotz Antragstellung 6/2003 und Gutachten 10/2003, konnte man mir weder im Dezember noch im Januar irgend etwas mitteilen, nachgefragt habe ich beinahe wöchentlich. Immer war entweder die Akte nicht da, oder die Mitarbeiterin oder die Akte war beim Chef und den könne man nicht anrufen usw. Ende Januar/ Anfang Februar war ich so fertig mit den Nerven, dass ich am liebsten "Schluss" gemacht hätte.
Ich bin zu meiner Neurologin und hab ihr davon erzählt, sie verschrieb mir daraufhin ein Antidepressivum. Eine Psychotherapie hatte ich schon angeleiert, denn so schnell sollten die mich nicht kleinkriegen. Trotzdem bin ich dann Anfang Februar bei einem Anruf bei der BfA heulend am Telefon zusammengebrochen. Die wirklich nette Dame in der Vermittlung hat mich nicht so ins Wochenende entlassen wollen und mich mit dem Chef ( den man nicht direkt anrufen kann) für diese Abteilung verbunden. Ja und man glaubt es kaum, er hat es geschafft das ein Schreiben, welches schon seit 10 Tagen irgendwo vermoderte, mich erreicht hat. Nämlich die Umwandlung meines Antrages in einen Rentenantrag, den ich aber natürlich erneut stellen musste. Sollten die MitarbeiterInnen dieser Abteilung seitdem unerklärliche Beschwerden haben, gegen die sie nichts tun können; sind meine Gebete erhört worden.
Jetzt kam der totale Wechsel, nämlich eine andere Abteilung bei der BfA. Hier konnte man mir telefonisch Auskunft geben - und hat das Ganze wirklich in der atemberaubenden Zeit von 4 Monaten abgeschlossen. Vielen Dank an diese Abteilung, denn sie haben dafür gesorgt, dass ich nicht komplett den Glauben an die Menschheit verloren habe.
Die Befristung meiner Rente hielt ich jedoch für ein Versehen - wurde aber leider eines besseren belehrt. Ich stellte also umgehend einen Antrag auf Weitergewährung der Rente, der dann, auf Anordnung einer Ärztin, erstmal bis Ende August 2004 in der Schublade verschwand und dann erneut vorgelegt wurde. Ich hatte mich schon gefreut das die BfA eventuell zwischenzeitlich ein Mittel für meine Heilung gefunden hätte, aber nichts da (schade eigentlich).
Im Oktober bin ich dann erneut zum Gutachten geschickt worden, das Alte war ja auch schon 12 Monate her ( kostet ja auch nichts). Im November wurde mir dann endlich mitgeteilt das meine Rente unbefristet weiterläuft.
Nach all den Turbulenzen geht es mir erstaunlich gut, nicht etwa das sich meine MS-Symtome zurückgebildet hätten, doch es hat zu keinem neuen Schub geführt und dank meiner Psychotherapeutin und des Antidepressivums habe ich mich nicht aus dem Fenster gestürzt.
Heute brauche ich sowohl meine Psychotherapeutin als auch das Antidepressivum nicht mehr - eigentlich sollte sich meine Krankenkasse das von der BfA erstatten lassen. Doch verdammt, was braucht man für einen langen Atem um solche banalen Sachen durchzustehen - und zusätzlich noch damit zurecht zu kommen, dass man nicht alles so wie früher kann.
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