Achte Realschulklasse in wachem Dialog mit MS-Patient
Lehrstunde fürs Leben
HERZOGENAURACH - Diesmal stand nicht Buchführung, Geografie oder kaufmännisches Rechnen auf dem Stundenplan: Eine Schulstunde, bei der die alte Lateiner-Weisheit: Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir, greifbar wurde, erlebte - und gestaltete - eine achte Mädchenklasse in der Realschule.
Kurz vor Schuljahresende, üblicherweise Zeit für Spiel, Experimente oder Unterhaltsames in den Klassenzimmern, setzte sich die Klasse 8 F mit einem vielfach verdrängten Lebensthema auseinander: Krankheit, Behinderung, Zerfall von Zukunftsplänen, plötzlich ist alles anders. Anlass war die Lektüre der Nachtstimme von Ilse Kleberger, eine Titelheldin der Geschichte ist die behinderte Ruth. Studienreferendarin Brigitta Nörenberg, die noch bis Februar 2002 an der Realschule unterrichtet, hatte daraufhin den Gedanken, es sei sicherlich interessant und wertvoll, einen behinderten Menschen nach seinen Erfahrungen in der Gesellschaft zu befragen. Und Gotthard Lohmaier, Deutschlehrer an der Realschule, fiel dazu Ralf Rybczynski ein. Über sein Schicksal als Erkrankter an Multiple Sklerose hatte er zusammen mit NN-Redakteur Leo Hildel einen Betroffenenbericht verfasst, im Frühjahr erschienen im Verlag Frieling & Partner, Berlin, unter dem Titel: Multiple Sklerose - Schicksalsschlag und Chance.
Die ,Krankheit mit tausend Gesichtern, so erzählte Ralf Rybczynski ohne Scheu den aufgeweckten, zusehends nachdenklich werdenden Mädchen, setzte bei ihm während seines Fernstudiums für die Technikerschule bei Siemens ein und äußerte sich in einer Verschlechterung des Augenlichts. Ohne zu beschönigen, allerdings nicht deprimiert, berichtete der heute 43-Jährige von persönlichen Katastrophen. Seine Frau wurde psychisch krank und verließ ihn, auf Grund seiner Krankheit verursachte er einen tödlichen Verkehrsunfall, die Verschlimmerung seines Zustands zwang ihn in den Rollstuhl. Eine schulmedizinisch nicht anerkannte Therapie, in deren Mittelpunkt eine Ernährung möglichst ohne pflanzliche Fette steht, brachte erstaunliche Besserung: Der Patient konnte seinen Rollstuhl wieder verlassen.
Mit dem Charme von Offenheit, Ironie und Selbstironie gab er den gut vorbereiteten Teenagern auf jede Frage erschöpfend Auskunft: Wie fassten Sie die Diagnose auf? Wie äußert sich die Krankheit? Wie reagierten ihre Freunde und Familie? Können Sie ihr Leben in vollen Zügen genießen?
Darauf Ralf Rybczynski, witzig: Im Zug setz' ich mich lieber hin . . . Diese Leichtigkeit, die manch' gesundem Menschen fehlt, nahm die Schüler für den Patienten ein und gab die Botschaft, ein körperliches Handicap muss einen nicht in permanente Misslaunigkeit stürzen. Ein Mädchen, dessen Vater an Diabetes leidet, fasste zusammen: Wichtig ist, dass der Mensch die Krankheit unter Kontrolle hat und nicht die Krankheit den Menschen. Mit vielfachem Beifall wurde der außergewöhnliche Referent aus einer Schulstunde verabschiedet, in der die bleierne Zeit keine Chance hatte.
EDITH KERN-MIEREISZ (Nordbayrische Nachrichten)
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