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Geistlose kann man nicht begeistern, aber fanatisieren kann man sie. (Ebner-Eschenbach)


MS und männliche Sexualität / Michael

Ich habe seit 15 Jahren MS, manchmal ziemlich heftig, aber auch mit vielen ruhigen Phasen dazwischen. Von Anfang an hatte ich Herde im Rückenmark und auch die dazugehörigen Gefühlsstörungen im Bereich des Unterbauchs, verbunden mit einem Harnverhalt und eher kleine sexuelle Störungen, größere Probleme gab es in Verbindung mit Alkohol. Allgemein waren die sexuellen Probleme nicht zu gravierend, sie wurden es erst vor ca. 7 Jahren. Es nahm mit der Intensität der MS zu - irgendwann konnte nicht mehr drumherumkommen es wahr zunehmen, bzw. es mir als Schwäche einzugestehen. Erektionen, die plötzlich und mittendrin verschwinden, als würde ein Hebel umgelegt. Ejakulationen, die quasi nur per Handgewalt oder gar nicht kamen. Perfide an der Sache ist, die Lust und Erregung ist meistens da, ganz normal, aber die Nervensteuerung gibt andere Signale an die Blutversorgung des entsprechenden Teils weiter.

Die ersten Jahre hat es mir immer wieder seelische Qualen verursacht, obwohl ich nicht der typische Mann bin, der sich durch sein Geschlechtsteil definiert. Ein bekannter Mann hat mal gesagt: "Die Lust der Frau, ist meine eigene Lust - mir ging es seit jeher so, bei mir hängt, bzw. "steht" sowieso viel von Zärtlichkeit, Vertrautheit und Streicheln ab. Weh getan hat es trotzdem immer wieder und es tut manchmal noch weh, es ist dann oft die augenblickliche Psychische (erzwingen) und Physische Verfassung (Erschöpfung), die keine Zufriedenheit und Erleichterung aufkommen lässt. Bei allem ist es auch nicht so, dass gar nichts mehr geht, aber der doch (einigermaßen) "verlässliche" Ablauf findet nicht mehr statt. Das hat nichts mit dem Glauben an "fingerschnipp und ich bin ein Sexmonster" zu tun, einfach nur mit Normalität in ihrem Rahmen.

Frauen werden das schwerlich verstehen, es ist als wäre etwas wesentliches aus dem Leben verschwunden, ich kann es mir nur als den Instinkt vorstellen, oder als Existenzangst, so als würde ohne die Möglichkeit der Vermehrung, die Menschheit aussterben. Das ist natürlich Quatsch, auch dafür gibt es Mittel und Wege, aber das sind die sachlichen Argumente und nicht die seelischen Abgründe. Und die seelischen Abgründe sind tief, ich musste über die Jahre in einige blicken. Bevor ich es mir eingestehen konnte, darüber reden konnte und letztlich anfangen etwas dagegen oder dafür zu tun, hat es eine lange Zeit gedauert. Der aktive Teil dauert inzwischen 4 Jahre und war desillusionierend, aber nötig um zufrieden weiterleben zu können. Der Prozess bis hierhin war schmerzhaft und damit meine ich nicht nur viele körperliche Untersuchungen, oder viele Versuche mit allen möglichen Medikamenten und Hilfsmitteln.

Nerven oder ihre Funktionsstörungen kann man nur schwer erklären. Irgendwo sitzt eine Entzündung und lähmt mich, ob die Beine oder Arme, den großen Zeh, oder eben die Geschlechtsfunktionalität. Die Frage ist aber auch, werde ich gelähmt - oder mein bisheriges Leben, bzw. der Umgang damit. In allem wollte ich möglichst perfekt sein, in jedem Bereich, so auch in der Sexualität - und habe es doch nicht geschafft, schwer möglich mit immer zu hohen Erwartungsmauern vor Augen. Über die Jahre wurde und wird mir nach und nach immer mehr genommen, dadurch werde ich quasi zur Flexibilität und zum Nachgeben gezwungen. Vielleicht ist das meine Aufgabe fürs Leben, aufgezwungen von der MS, mit mir besser umzugehen und mir mehr zu verzeihen, vor allem die Schwäche. Perfekt sein zu wollen ist hart, aber perfekt sein zu müssen, ist Selbstverachtung.

Es gibt einige Möglichkeiten, um den Mann nach oben zu quälen. Verschiedene Pillen (sogar eine zum vorne reinschieben), diverse helfenwollende Spritzen - und mechanische Hilfen (die so genannte Vakuumpumpe. Diese Pumpe hat die Größe einer PET-Flasche und wird über das Teil drübergesteckt. Dann wird ca. 1 min., ziemlich laut, die Luft heraus gepumpt, dadurch soll oder wird Blut in den Penis gesogen, der sich dann oder nicht versteift. Letztendlich wird ein an der Spitze des Geräts sitzender Gummiring über das Teil gestülpt, damit das Blut nicht mehr aus dem Penis abläuft. Wer dann noch Lust auf Sex hat, ist sicherlich Gefühlstot.)

Das was an Möglichkeit übrig bleibt, ist ein Penisimplantat. Zuerst wollte ich, bin dann aber doch davor zurück geschreckt. Dieser Eingriff ist nicht ungefährlich, besonders bei MS. Das Implantat, weil Fremdkörper, kann eine Infektion hervorrufen, die bekanntlich Gift für einen MS-Kranken ist. Außerdem kann es als fremdes Organ abgestoßen werden - und nach der Operation ist nichts mehr rückgängig zu machen, weil dafür die Blutgefäße am Penis entfernt werden müssen. Meine Frage an mich war und ist deshalb: Wieso will ich mir diese Gewalt antun? Und wieso bin ich nicht mit meiner Sexualität zufrieden, obwohl sie schön ist? Spielen da die allgegenwärtigen Sprüche mit hinein: "Ein Mann ist nur ein Mann, wenn er alles kann"?

Die verschiedenen bekannten Medikamente, wie Viagra, Levitra oder Cialis sind eine Kompromisslösung. Auch diese Arzneien können die Nerven nicht immer überlisten, sie setzen nicht im Gehirn an, sondern sorgen im Prinzip für vermehrte Durchblutung (Blutdruck) im entsprechenden Teil. Die Lust muss da sein, ebenso wie die Erregung - im wahrsten Sinne des Wortes eine "Unterstützung". Am Besten wirkt da Cialis, die so genannte "Wochenendpille", nach Einnahme hat sie ein Wirkfenster von 24-36 Stunden.

So schwer die Auseinandersetzung mit dem Thema ist, so wichtig ist sie. Ich werde wahrscheinlich noch lange damit zu tun haben, d.h. vermutlich immer, zumindest mit der Auseinandersetzung und dem Akzeptieren, mal mehr, mal weniger. Schon im Hinblick darauf ist das Aussprechen der Problematik wichtig, nicht nur für mich persönlich, sondern weil lt. Studien bis zu 80% der MS-Betroffenen Männer früher oder später an sexuellen Störungen leiden, aber kaum / nicht darüber sprechen, oder nicht darüber sprechen können.

Der Bericht ist etwas länger geworden, danke fürs Lesen.

Michael


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