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Moral ist eine Wichtigtuerei des Menschen vor der Natur. (Nietzsche)


Alkohol und MS / von Florian

Als vor etwa drei Jahren bei meiner Mutter Multiple Sklerose diagnostiziert wurde, war niemand in der Familie sonderlich daran interessiert. Mein Vater hatte meine Mutter schon zwei Jahre zuvor verlassen, ich lebte seitdem mit ihr allein. Wie ja bekannt ist, tritt MS nicht plötzlich auf, sondern schlummert Jahre unerkannt bei den jeweiligen Patienten. Meine Mutter, bei der ein primär chronisch-progredienter Verlauf festgestellt worden ist, zeigte daher auch schon lange vor der eigentlichen Diagnose die bekannten Symptome wie Gleichgewichts- und Konzentrationsschwierigkeiten, Koordinationsprobleme und Sehstörungen, Artikulationsprobleme und auch emotionale Instabilität. So war es nicht verwunderlich, dass zum Zeitpunkt der schlimmen Diagnose schon kaum jemand mehr engen Kontakt mit ihr pflegte, auch nicht die eigene Familie.Ich war mehr oder minder der einzige, der ständigen Kontakt und dadurch auch genauen Einblick in den Krankheitsverlauf hatte und auch heute noch hat.

Nicht zuletzt durch Gespräche mit meinem Vater oder auch Außenstehenden, die die Situation versuchen objektiv zu betrachten, ist die allgemeine Erkenntnis gereift, dass meine Mutter (das soll meine Liebe zu ihr nicht schmälern) schon seit etwa 6-7 Jahren ein sehr schwieriger Mensch ist. Ein genauer Zeitpunkt einsetzender psychischer und physischer Schwächung ist kaum zu datieren, jedoch lässt sich eine parallele Entwicklung hin zum Alkoholismus bei meiner Mutter feststellen. Bis heute zeigen sich starke abhängige Tendenzen bei ihr, denen ich, so muss ich zugeben, nunmehr entflohen bin. Als ich mit etwa 16 Jahren begann zu realisieren, wie schlimm und unerträglich die Situation wurde - meine Mutter neigte bereits zu blinder Aggression, die sie später immer bequem auf ihre Krankheit schob - sah ich mich über Jahre einer mir nur langsam verständlicher werdenden Problematik ausgesetzt, die bis heute aus meiner Sicht aus einer Mischung beider Faktoren bestand: Der MS und dem Alkoholismus.

Da sich, wie zuvor angeführt, der Entstehungszeitpunkt der Krankheit mit dem Beginn der Alkoholprobleme deckt, denke ich noch heute, dass die Ursachen der Entstehung sowohl in dem psychischen Stress (der ja nicht zu Unrecht als eine der Hauptursachen angesehen wird) als aber auch in den beginnenden Alkoholproblemen zu sehen ist. Dabei möchte ich ergänzend hinzufügen, dass meine Mutter keineswegs von jetzt auf sofort aufgrund der ehelichen Differenzen zu Alkoholexzessen neigte, sondern sie sich von einem Glas Wein jeden Abend zu inzwischen einer Flasche täglich gesteigert hat. Dazu kommen mehrmals wöchentlich Besuche der Stammkneipe, die sie inzwischen mit dem Argument rechtfertigt, sie müsse sich ja nun, da sie so krank sei, gesellschafftlich mehr einbringen und ihren "Lebensabend" geniessen. Der allabendliche Wein sei ja zudem gesund und erleichtere ihr ihren Seelenschmerz. Früher trieb sie damit meinen Vater zur Verzweiflung, später war ich das "Opfer", das kaum in der Lage war die Situation zu beurteilen oder zu handhaben. Ich zog mit 18 Jahren aus und entzog mich dem Ganzen.

Manch einer mag mich jetzt verurteilen, aber wenn nicht als Legitimation dann doch wenigstens als Bitte um Verständnis möchte ich nochmals die Umstände darlegen: Ich war noch ein halbes Kind, das, als es die Situation endlich halbwegs einschätzen konnte, den Prozess nicht mehr umkehren konnte.Ich war allein, meine Mutter Alkoholikerin und mit jedem Schluck wuchsen, so beurteile ich die Entwicklung, wobei ich versuche und immer versucht habe objektiv zu urteilen, die Symptome der MS. Ich war der Situation nie gewachsen, zumal ich immer von meiner Mutter abhängig war und die dauernden Streitereien bösartigster Art, denen ich mich immer versuchte zu entziehen, mich mehr und mehr zermürbten.

Argumente waren sinnlos, denn meine Mutter verlor sukzessiv die Fähigkeit der logischen Argumentation. Mir gegenüber, wie auch allen ihren heute ehemaligen Freunden zeigte sie ein derart aggressives und natürlich, durch die Krankheit bedingt, oft infantiles Verhalten, dass man sich schnell von ihr abwendete. Ich verblieb allein bei ihr und ertrug lange ihre Eskapaden, die auch ich anfangs allein auf ihre Krankheit zurückführte. Ich leide heute noch unter den seelischen Konsequenzen, die sich unter dem Druck der damals aussichtslos scheinenden Problematik für mich ergaben, wie den ständigen, unkontrollierten und kaum zu bändigenden Wutausbrüchen meiner Mutter, die auch früh meinen Vater veranlassten, die Ehe aufzugeben, wofür ich ihm bis heute keinen Vorwurf machen kann. Es ist äußerst schwer für mich, meine Gefühle wiederzugeben, die von Unverständnis und Wut bis zu Resignation reichten. Ich fand, wohl auch weil ich völlig überfordert war mit den ständigen Konfrontationen, keinerlei Mittel gegen die fortschreitenden Entwicklungen, die meine früher liebevolle und von mir immer verehrte Mutter zu einer betrunken Sabbernden, vor blindem Hass oftmals sinnlos destruktiven Furie verwandelten.

Bis heute, da ich wie gesagt vor etwas mehr als einem halben Jahr von zuhause ausgezogen bin und mit meiner Freundin zuammenlebe, versuche ich verzweifelt aus einer etwas distanzierteren Umgebung heraus, den Problemen beizukommen, mit geringem Erfolg. Meine Mutter besteht auf ihren allabendlichen Wein, den sie nicht zuletzt wegen ihrer Essstörungen (sie nimmt kaum etwas zu sich, und das über Tage) kaum verträgt und geht immer noch mindestens zweimal in der Woche in ihre Stammkneipe, wobei sie die Nachwirkungen am nächsten Tag stets auf die MS schiebt. Ich bin zugegebenermaßen verzweifelt und bis heute, gerade weil ich mit der Problematik allein dastehe, hoffnungslos überfordert, da meiner Mutter, wie gesagt, auch mit normalen, logischen Argumentationsansätzen nicht beizukommen ist.

Unabhängig von der persönlichen, hier dargelegten Problematik möchte ich aber näher auf den von mir angesprochen Aspekt des starken Alkoholkonsums eingehen, der meiner Ansicht nach nicht nur mitauslösender Faktor der MS bei meiner Mutter war, sondern bis heute aus meiner Sicht den Krankheitsverlauf weiter vorantreibt und im negativen Sinne begünstigt. Diese Auffassung ist gerade in der letzten Zeit, da ich es geschafft habe, Abstand zu gewinnen, immer weiter gereift. Ich würde gerne Resonanz dazu erhalten, auch für konstruktive Kritik bin ich ich genauso offen wie für Anregungen aller Art. Haben andere Betroffnene ähnliche Erfahrungen gemacht? Ich würde mich über Antwort freuen.

Florian K.

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