zurück
Hass ist die Rache eines Feiglings dafür, das er eingeschüchtert ist. (George Bernard Shaw)


Es ist schwer tröstende Worte zu finden

Ich mache zur Zeit eine Ausbildung als Krankenschwester und bin in der häuslichen Pflege tätig. Eine Patientin, die ich pflege, hat MS. Am Anfang hatte ich nur Mitleid mit dieser Frau, aber ich glaube, dass sie dies gar nicht wollte. Sie ist jetzt 60 Jahre und hat die Hoffnung auf Heilung noch nicht aufgegeben. Sie ist an ihr Bett gefesselt, sie kann sich quasi nicht mehr bewegen. Sie hat nicht mal mehr die Kraft ihren Kopf anzuheben. Sie kann nur noch sehr schwer kauen, wobei sie sich bei fast jedem Bissen verschluckt und sehr stark Husten muß. Sie kann kaum noch sprechen. Manchmal bewegen sich ihre Lippen, aber es sind keine Laute zu hören. Sie ist so hilflos in ihrem Bett. Sie ist den Launen der Schwestern ausgesetzt, die es nicht immer leicht mit ihr haben, da sie alle ihren Zeitplan einhalten müssen. Trotzdessen fühlt sie sich Zuhause am wohlsten. Sie hat Angst, dass sie wieder ins Krankenhaus muß.

Neulich hat ihr wieder die Nase gejuckt und ich sollte ihre Nase reiben. Sie fing dann an zu Weinen, weil ihr wieder mal bewußt wurde, wie hilflos sie doch ist. Ihr Sohn hat ihr vor kurzem einen Bericht über MS vorgelesen, in dem stand, dass es keine Heilungsmöglichkeiten gibt. Sie fing an zu Weinen und meinte, dass sie in diesem Bett bis zu ihrem Tode bleiben muß. Es ist schwer in diesem Moment tröstende Worte zu finden, denn es gibt in ihrer Situation nichts Positives. Klar, sie hat Kinder und Enkelkinder, die sie aber fast nie zu Gesicht bekommt. Ihre Enkelkinder sind viel zu jung, um zu begreifen, was mit ihrer Oma los ist. Ihr Sohn, der in der Stadt wohnt, hat 2 mal die Woche eine Stunde Zeit für sie. Ansonsten darf sie sich mit ihrem Fernseher vergnügen, wenn die Schwestern nicht bei ihr sind.

Jeden Tag muß sie leiden und Qualen überstehen. Jeden Tag die Angst, dass ihr Katheter wieder undicht sein könnte und sie einen neuen gelegt bekommen muß, das ca. jede Woche der Fall ist. Sie hat Schmerzen bei jedem Lagerungswechsel. Am ersten Tag dachte ich, dass die Frau keine Beine mehr hat, weil sie unter der Bettdecke so klein aussah, aber ihre Beine waren eng am Körper angewinkelt und werden es auch immer bleiben, es sind Kontrakturen, genau wie bei ihren Händen. Wie kann man den Leuten, die so schwer MS krank sind, ein schönes Leben bereiten?Ist dies überhaupt noch möglich?

Ich denke, dass die Bevölkerung viel zu wenig über diese Krankheit weiß. Es wird immer über Krebs gesprochen. Ich habe nun beide Krankheiten erlebt bei Patienten. Dazu muß ich nun feststellen, dass man MS mehr Beachtung schenken sollte. Man sollte mehr für diese Leute da sein, zum Beispiel für Gespräche, einfach Zeit haben für diese Leute. Man sollte Leute mit MS nicht einfach ihrem Schicksal überlassen und diese Leute vergessen, nur weil sie in einem gewissen Stadium nicht mehr heilbar sind.

Anonym


Haftungsausschluss © 2000 - 2010   mb ( http://www.muskl.de )

zum Seitenanfang